
At-the-Market-Programm
Ein At-the-Market-Programm ist ein Verfahren, mit dem börsennotierte Unternehmen neue Aktien direkt über die Börse verkaufen, ohne einen festen Ausgabepreis oder einen einmaligen großen Platzierungstermin festzulegen. Der Erlös fließt dem Unternehmen zu, der Kurs richtet sich nach dem jeweils aktuellen Marktpreis.
Wenn ein Unternehmen frisches Geld braucht, kann es neue Aktien ausgeben und verkaufen. Die klassische Methode ist eine Kapitalerhöhung, bei der ein fester Preis und ein fester Termin festgelegt werden. Ein At-the-Market-Programm funktioniert anders: Das Unternehmen verkauft neue Aktien Stück für Stück direkt über die Börse, zum jeweils aktuellen Börsenkurs. Es gibt keinen einmaligen großen Verkaufstermin. Stattdessen läuft das Programm über Wochen oder Monate hinweg. Das Unternehmen steuert selbst, wann und wie viele Aktien es verkauft.
Flexibilität als entscheidender Vorteil
Bei einer klassischen Kapitalerhöhung muss das Unternehmen einen Preis festlegen, bevor es weiß, wie der Markt reagiert. Liegt der Preis zu hoch, kauft niemand. Liegt er zu niedrig, verschenkt das Unternehmen Wert. Ein ATM-Programm umgeht dieses Problem vollständig, weil der Preis nicht festgelegt wird, sondern sich aus dem laufenden Börsenhandel ergibt.
Außerdem kann das Unternehmen gezielt günstige Momente nutzen. Steigt der Aktienkurs auf ein hohes Niveau, lassen sich in kurzer Zeit viele Aktien zu guten Konditionen verkaufen. Fällt der Kurs, pausiert das Programm einfach. Diese Kontrolle ist bei klassischen Großplatzierungen nicht möglich. Für Anleger hat das allerdings einen Nachteil: Sie wissen nie genau, wie viele neue Aktien gerade in den Markt fließen und die eigene Beteiligung verwässern.
Ablauf eines ATM-Programms
Zunächst schließt das Unternehmen einen Vertrag mit einer Bank oder einem Wertpapierhändler, dem sogenannten Agent. Dieser Agent übernimmt den tatsächlichen Verkauf der Aktien an der Börse. Das Unternehmen gibt dem Agenten tägliche oder wöchentliche Anweisungen: wie viele Aktien maximal verkauft werden dürfen und zu welchem Mindestpreis. Der Agent führt die Aufträge dann im normalen Börsenhandel aus, sodass die neuen Aktien für außenstehende Käufer nicht von regulären Verkäufen anderer Anleger zu unterscheiden sind.
Rechtlich muss das Programm vorab bei der zuständigen Aufsichtsbehörde angemeldet und genehmigt werden. In den USA, wo ATM-Programme besonders verbreitet sind, geschieht das über die Börsenaufsicht SEC. Der Gesamtrahmen — also die maximale Zahl der Aktien, die über das Programm verkauft werden dürfen — wird vorab festgelegt und öffentlich bekannt gemacht. Innerhalb dieses Rahmens hat das Unternehmen dann freie Hand.
Der Erlös aus dem Verkauf fließt, abzüglich einer Provision für den Agenten, direkt in die Unternehmenskasse. Typische Provisionen liegen bei zwei bis drei Prozent des Verkaufserlöses — deutlich weniger als die Kosten einer aufwendig organisierten Großplatzierung mit Roadshow und Investorenkonferenzen.
ATM-Programme in der Praxis und in den Nachrichten
Besonders häufig setzen Technologie- und Biotechnologieunternehmen auf dieses Instrument. Viele dieser Firmen haben noch keine stabilen Gewinne und müssen regelmäßig Kapital aufnehmen, um Forschung oder Wachstum zu finanzieren. Ein ATM-Programm erlaubt ihnen, das schrittweise zu tun, ohne jedes Mal eine aufwendige Kapitalerhöhung organisieren zu müssen.
In Finanz-News taucht der Begriff oft auf, wenn ein Unternehmen meldet, es habe im abgelaufenen Quartal über ein ATM-Programm eine bestimmte Summe eingenommen. Das ist ein Signal, dass das Unternehmen aktiv Geld aufnimmt — was Anleger sowohl als Zeichen von Wachstumsabsichten als auch als Warnung vor einer Verwässerung ihrer Anteile interpretieren können. Wer eine Aktie hält und liest, dass ein ATM-Programm läuft, sollte prüfen, wie groß der genehmigte Rahmen ist und wie viel davon bereits ausgeschöpft wurde.
Auch im Zusammenhang mit KI-Unternehmen taucht der Begriff zunehmend auf. Mehrere US-Firmen, die in KI-Infrastruktur investieren und dafür kontinuierlich Kapital benötigen, haben in den letzten Jahren ATM-Programme über mehrere Milliarden US-Dollar aufgelegt. Das zeigt, dass das Instrument nicht nur für kleine Unternehmen relevant ist, sondern auch für große, kapitalintensive Wachstumsprojekte.