
Compute-Futures
Compute-Futures sind Verträge, mit denen man Rechenleistung für einen späteren Zeitraum schon heute zu einem festen Preis kauft oder verkauft. Sie sollen Rechenzeit ähnlich handelbar machen wie Strom, Weizen oder Öl.
Wer heute große KI-Programme entwickelt, braucht enorm viel Rechenzeit auf spezialisierten Computern. Diese Rechenzeit nennt man in der Branche « Compute ». Sie ist knapp, teuer und ihr Preis schwankt stark. Ein Compute-Future ist ein Vertrag, in dem zwei Parteien heute festlegen: In einem bestimmten Monat wird eine bestimmte Menge Rechenzeit zu einem bestimmten Preis geliefert und bezahlt. Der Vertrag selbst kann weiterverkauft werden, auch von Leuten, die die Rechenzeit gar nicht nutzen wollen. Solche Verträge auf eine spätere Lieferung heißen an der Börse allgemein Futures oder Terminkontrakte.
Rechenzeit wird zur Ware mit Preisrisiko
Ein Unternehmen, das ein KI-Modell trainieren will, plant oft Monate im Voraus. Es weiß ungefähr, wie viel Rechenzeit es im nächsten Jahr braucht. Es weiß aber nicht, was diese Rechenzeit dann kosten wird. Steigt der Preis um das Doppelte, kann ein ganzes Projekt unbezahlbar werden. Genau dieses Risiko lässt sich mit einem Future absichern: Der Preis steht fest, egal was am Markt passiert.
Die andere Seite hat ein spiegelbildliches Problem. Wer ein Rechenzentrum baut, investiert Milliarden, bevor der erste Kunde bezahlt. Verkauft der Betreiber schon vorab Rechenzeit für die Jahre nach der Fertigstellung, hat er sichere Einnahmen. Banken finanzieren solche Bauten dann eher, weil die künftigen Erlöse belegbar sind.
Interessant ist ein dritter Effekt. Sobald solche Verträge öffentlich gehandelt werden, entsteht ein sichtbarer Marktpreis für Rechenleistung. Heute werden die meisten Verträge einzeln und geheim ausgehandelt. Ein Terminmarkt würde zeigen, was der Markt für Rechenzeit in zwei Jahren erwartet. Das ist auch für Investoren und Journalisten ein Signal, wie stark der KI-Boom wirklich ist.
Vom Kontrakt zur gelieferten Rechenstunde
Damit etwas an einer Börse handelbar ist, muss es standardisiert sein. Bei Weizen legt man Sorte, Menge und Qualität fest. Bei Rechenleistung ist das schwieriger. Man muss definieren, welcher Chiptyp gemeint ist, wie viele Stunden er läuft, wie schnell die Chips untereinander verbunden sind und in welcher Region das Rechenzentrum steht. Ein Kontrakt könnte zum Beispiel lauten: 1.000 Stunden auf einem bestimmten Grafikchip-Modell, geliefert im dritten Quartal, in Europa.
Am Ende der Laufzeit gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder wird tatsächlich Rechenzeit bereitgestellt, das nennt man physische Erfüllung. Oder es fließt nur Geld: Liegt der aktuelle Marktpreis über dem vereinbarten Preis, bekommt der Käufer die Differenz ausgezahlt. Diese zweite Variante heißt Barausgleich und ist an Finanzmärkten der Normalfall.
Ein Detail unterscheidet Compute von Weizen: Rechenzeit ist nicht lagerbar. Eine ungenutzte Stunde auf einem Chip ist unwiderruflich verloren, ähnlich wie ein leerer Sitzplatz in einem abgeflogenen Flugzeug. Deshalb ähneln Compute-Futures eher Strom-Terminkontrakten als Rohstoffkontrakten. Auch Strom muss in dem Moment verbraucht werden, in dem er erzeugt wird.
Wer damit handelt und woran es noch hakt
In den Nachrichten tauchen Compute-Futures meist im Zusammenhang mit Rechenzentren und Chipherstellern auf. Große Cloud-Anbieter verkaufen Rechenzeit schon heute in mehrjährigen Verträgen, die wirtschaftlich wie Termingeschäfte wirken. Daneben gibt es junge Handelsplätze und Börsenbetreiber, die standardisierte Kontrakte auf Grafikchip-Stunden aufsetzen wollen. Ein regulierter Massenmarkt wie bei Öl existiert bislang nicht.
Ein häufiger Irrtum ist, Compute-Futures mit dem Kauf von Aktien eines Chipherstellers zu verwechseln. Eine Aktie ist ein Anteil an einem Unternehmen. Ein Future bezieht sich direkt auf die Ware, hier auf Rechenstunden. Der Aktienkurs kann steigen, während der Preis für Rechenzeit fällt.
Das größte offene Problem ist die schnelle Veralterung. Ein Chip, der heute Spitze ist, kann in zwei Jahren deutlich langsamer wirken als die neue Generation. Ein Kontrakt über alte Hardware verliert dann rasant an Wert. Kritiker warnen außerdem, dass solche Märkte Spekulation anziehen und Preise weiter aufblähen könnten. Befürworter halten dagegen, dass sichtbare Preise gerade in einer Boomphase für mehr Realismus sorgen.