Cargo-Kult

Cargo-Kult

Ein Cargo-Kult ist das Nachahmen äußerer Formen ohne Verständnis der Ursachen, die dahinterstecken. In Technik und Wissenschaft bezeichnet der Ausdruck Arbeitsweisen, die richtig aussehen, aber wirkungslos sind.

Der Ausdruck stammt aus dem Zweiten Weltkrieg. Auf einigen Pazifikinseln bauten Soldaten Landebahnen, und Flugzeuge brachten Vorräte. Nach dem Krieg zogen die Soldaten ab, die Lieferungen blieben aus. Manche Inselbewohner bauten daraufhin Landebahnen und Kopfhörer aus Holz nach, in der Hoffnung, die Flugzeuge kämen zurück. Die Form stimmte, die Ursache fehlte. Heute nennt man jedes Verhalten einen Cargo-Kult, das äußerlich einem erfolgreichen Vorbild gleicht, dessen Wirkmechanismus aber nicht versteht.

Wenn Nachahmung Kompetenz ersetzt

Der Begriff ist deshalb nützlich, weil er einen sehr häufigen Denkfehler benennt. Menschen sehen ein Ergebnis und kopieren, was sie dabei beobachten. Was sie nicht sehen können, ist die Ursache. Sie kopieren also die Oberfläche und wundern sich, warum nichts passiert.

Der Physiker Richard Feynman prägte 1974 dafür das Wort « Cargo-Kult-Wissenschaft ». Er meinte Forschung, die alle äußeren Merkmale echter Wissenschaft trägt: Messungen, Tabellen, Fachsprache, Veröffentlichungen. Was fehlt, ist die Bereitschaft, die eigene Erklärung ernsthaft zu widerlegen. Ohne diesen Kern bleibt nur eine Inszenierung von Gründlichkeit.

In der Wirtschaft ist das Muster ebenso verbreitet. Ein Konzern führt flexible Arbeitszeiten und Tischkicker ein, weil erfolgreiche Startups das haben. Der eigentliche Grund für deren Erfolg, etwa kurze Entscheidungswege, bleibt unangetastet. Solche Projekte kosten viel Geld und verändern wenig.

Woran man den Denkfehler erkennt

Ein Cargo-Kult entsteht immer dann, wenn jemand eine Frage nicht beantworten kann: Warum genau hilft das? Wer nur sagen kann « das macht man so » oder « die Großen machen es auch », hat die Form übernommen, nicht das Prinzip. Der Test ist einfach und ziemlich unbarmherzig.

In der Softwareentwicklung gibt es dafür einen eigenen Ausdruck: Cargo-Kult-Programmierung. Damit ist gemeint, dass jemand Programmzeilen aus dem Internet kopiert, weil sie bei anderen funktioniert haben. Er weiß aber nicht, was jede einzelne Zeile tut. Das Programm läuft dann oft trotzdem. Sobald ein Fehler auftritt, ist niemand in der Lage, ihn zu finden.

Wichtig ist die Abgrenzung zum normalen Lernen. Nachahmen ist eine völlig legitime Methode, gerade am Anfang. Zum Cargo-Kult wird es erst, wenn das Verstehen dauerhaft ausbleibt und die Nachahmung selbst als Erfolg gilt. Ein häufiger Irrtum ist außerdem, den Begriff als Beleidigung zu benutzen. Er beschreibt einen Denkfehler, keine Dummheit, und kluge Menschen fallen ihm regelmäßig zum Opfer.

Cargo-Kult im KI-Hype

Rund um künstliche Intelligenz taucht das Wort derzeit besonders oft auf. Viele Unternehmen kündigen KI-Projekte an, weil die Konkurrenz das ebenfalls tut. Ein Chatbot wird auf die Webseite gestellt, ohne dass jemand geprüft hat, welches Problem er löst. Studien zeigen regelmäßig, dass ein großer Teil solcher Projekte ohne messbaren Nutzen endet. In Analysen und Börsenkommentaren heißt das dann « Cargo-Kult-KI ».

Auch in der Forschung selbst wird der Vorwurf erhoben. Manche Arbeiten übernehmen die üblichen Bausteine erfolgreicher Modelle, ohne zu prüfen, welcher Baustein den Unterschied macht. Erscheint dann eine Untersuchung, die einzelne Teile weglässt, bleibt das Ergebnis gelegentlich gleich gut. Der kopierte Bestandteil war also Dekoration.

Für dich als Leser von Tech-Nachrichten ist der Begriff vor allem ein Werkzeug. Wenn eine Firma eine neue Technologie ankündigt, lohnt sich immer dieselbe Frage. Wird erklärt, warum diese Technik hier hilft, oder wird nur betont, dass alle anderen sie einsetzen? Die Antwort trennt echte Strategie ziemlich zuverlässig von einer Holzlandebahn.

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