
Supply-Chain-Angriff
Bei einem Supply-Chain-Angriff greifen Kriminelle ein Unternehmen nicht direkt an, sondern manipulieren einen Zulieferer, dessen Produkt das Unternehmen benutzt. Über ein einziges verseuchtes Update können so tausende Kunden gleichzeitig betroffen sein.
Fast jedes Unternehmen benutzt Software, die es nicht selbst geschrieben hat. Ein Buchhaltungsprogramm, ein Werkzeug zur Überwachung der Server, ein kleiner Baustein aus dem Internet, den ein Programmierer eingebaut hat. Bei einem Supply-Chain-Angriff greifen Kriminelle nicht das Unternehmen selbst an, sondern einen dieser Lieferanten. Sie schleusen dort schädlichen Code ein, der dann als völlig normales Update an alle Kunden verteilt wird. Der Name kommt aus der Wirtschaft: die Lieferkette umfasst alle Zulieferer, die zu einem fertigen Produkt beitragen. Übertragen auf Software heißt das: wer den Zulieferer knackt, kommt gleich bei allen seinen Kunden hinein.
Der Hebel: ein Einbruch, tausende Opfer
Der Reiz für Angreifer ist die Vervielfältigung. Ein Unternehmen mit gutem Sicherheitsteam direkt anzugreifen ist mühsam. Aber ein Werkzeug, das dieses Unternehmen freiwillig installiert und regelmäßig aktualisiert, ist ein bequemer Weg hinein. Ein einziger erfolgreicher Einbruch beim Hersteller kann so mehrere tausend Netzwerke öffnen.
Dazu kommt, dass solche Angriffe extrem schwer zu erkennen sind. Updates von einem bekannten Hersteller gelten als vertrauenswürdig. Schutzprogramme lassen sie oft ohne genaue Prüfung durch, weil sie eine korrekte digitale Signatur tragen – also einen Echtheitsstempel des Herstellers. Genau diesen Stempel benutzen die Angreifer mit, wenn sie den Hersteller bereits kontrollieren. Der berühmteste Fall, der Angriff auf die Netzwerksoftware SolarWinds im Jahr 2020, blieb rund neun Monate unentdeckt.
Betroffen ist damit nicht nur die Wirtschaft. Zu den SolarWinds-Opfern gehörten mehrere US-Ministerien. Für Staaten ist diese Angriffsform deshalb auch ein Werkzeug der Spionage, nicht nur der Erpressung.
Wege in die Lieferkette
Der klassische Weg führt über den Hersteller selbst. Angreifer verschaffen sich Zugang zu dem System, auf dem das Programm zusammengebaut wird. Dort verändern sie den Code kurz vor der Auslieferung. Das fertige Update sieht danach echt aus, weil es echt ist – es enthält nur ein paar Zeilen zu viel.
Der zweite Weg nutzt kostenlose Programmbausteine, sogenannte Open-Source-Pakete. Programmierer laden solche Bausteine millionenfach aus öffentlichen Sammlungen herunter, statt alles selbst zu schreiben. Manche dieser Pakete werden nur von einer einzigen Person in ihrer Freizeit gepflegt. Übernimmt jemand deren Zugang, oder bietet er sich freundlich als Mithelfer an, kann er schädlichen Code direkt in tausende Projekte einspeisen.
Als Gegenmittel gilt vor allem Nachvollziehbarkeit. Große Anbieter führen inzwischen eine Art Zutatenliste ihrer Software, in der jeder verwendete Fremdbaustein steht. Fachleute nennen das Software Bill of Materials. Dazu kommen strengere Prüfungen der Bausteine und der Grundsatz, dass ein Programm nur die Rechte bekommt, die es wirklich braucht. Ein Ausschließen des Risikos gibt es aber nicht, solange Software aus fremden Teilen besteht.
Von KI-Bibliotheken bis zum Handy-Update
In den Nachrichten tauchen Supply-Chain-Angriffe meist nach großen Vorfällen auf. Neben SolarWinds ist der Fall Kaseya von 2021 bekannt: über die Software eines IT-Dienstleisters wurden auf einen Schlag hunderte Firmen mit Erpressungssoftware lahmgelegt, darunter eine schwedische Supermarktkette. Solche Meldungen bewegen auch Aktienkurse, weil sie Haftungsfragen und Vertrauensverluste nach sich ziehen.
Im KI-Bereich hat das Thema eine eigene Note. Modelle und Datensätze werden über öffentliche Plattformen geteilt und einfach heruntergeladen. Ein manipuliertes Modell kann beim Laden Schadcode ausführen oder heimlich falsche Antworten liefern. Auch hier gilt: der Nutzer vertraut einer Datei, die er nicht selbst hergestellt hat.
Privat begegnet man dem Prinzip bei jedem Update von Handy, Router oder Browser. Der Rat, Updates schnell zu installieren, bleibt trotzdem richtig, denn bekannte Sicherheitslücken sind die viel häufigere Gefahr. Ein Supply-Chain-Angriff ist kein Grund, Updates zu meiden – er zeigt nur, dass Vertrauen in Software immer eine Kette von Annahmen ist. Und eine Kette reißt an ihrem schwächsten Glied.