
Creative Destruction
Creative Destruction beschreibt, wie neue Produkte und Verfahren alte verdrängen und dabei ganze Branchen umbauen. Der Begriff stammt vom Ökonomen Joseph Schumpeter und wird heute oft benutzt, um die Wirkung von künstlicher Intelligenz auf Berufe und Firmen zu beschreiben.
Creative Destruction ist ein Begriff aus der Wirtschaftswissenschaft. Auf Deutsch heißt er „schöpferische Zerstörung“. Gemeint ist ein einfacher Zusammenhang: Wenn etwas Neues entsteht, verschwindet dabei fast immer etwas Altes. Das Automobil hat die Kutschenbauer verdrängt, die Digitalkamera das Fotolabor an der Ecke, das Smartphone den MP3-Player. Der Fortschritt schafft also nicht nur zusätzlich etwas dazu, sondern räumt gleichzeitig ab. Geprägt hat den Begriff der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter in den 1940er Jahren. Er hielt diesen Prozess für den eigentlichen Motor einer Marktwirtschaft.
Warum Schumpeters Idee bei KI ständig zitiert wird
Kaum ein Begriff taucht in Wirtschaftsnachrichten über künstliche Intelligenz so oft auf. Der Grund: KI-Systeme können Tätigkeiten übernehmen, die bisher Menschen erledigt haben. Übersetzen, Texte entwerfen, Programmcode schreiben, Kundenanfragen beantworten. Für Firmen, die davon leben, ist das eine ernste Bedrohung. Für andere Firmen ist es die Chance ihres Lebens.
Wichtig ist dabei die zweite Hälfte des Begriffs: Es geht nicht nur um Zerstörung. Schumpeter betonte, dass durch den Umbruch neue Arbeit und neuer Wohlstand entstehen. Als die Geldautomaten kamen, sagten viele das Ende der Bankangestellten voraus. Tatsächlich wurden Filialen billiger im Betrieb, Banken eröffneten mehr davon, und die Zahl der Angestellten stieg zunächst sogar. Ihre Aufgaben verschoben sich aber vom Geldzählen zur Beratung.
Der Haken liegt in der Verteilung. Die Verluste treffen bestimmte Menschen sofort und hart, die Gewinne verteilen sich langsam und breit. Wer mit 55 seinen Job an eine Software verliert, hat wenig davon, dass in fünf Jahren neue Berufe entstehen. Genau darüber wird in der Politik gestritten, wenn von Umschulung oder sozialer Absicherung die Rede ist.
Der Ablauf einer Verdrängung
Am Anfang steht meist eine Neuerung, die zunächst schlechter ist als das Bestehende. Die ersten Digitalkameras machten deutlich schlechtere Bilder als Filmkameras. Sie waren aber billiger, schneller und wurden von Jahr zu Jahr besser. Etablierte Firmen unterschätzen solche Anfänge regelmäßig, weil ihre besten Kunden das neue Produkt zuerst ablehnen.
Dann kippt der Markt, oft überraschend schnell. Kodak war 1990 einer der wertvollsten Konzerne der Welt und meldete 2012 Insolvenz an. Das Unternehmen hatte die Digitalkamera sogar selbst miterfunden, aber sein Geld mit Filmen verdient und deshalb gezögert. Dieses Muster hat einen Namen: das Innovator’s Dilemma. Wer ein gut laufendes Geschäft hat, zerstört es ungern selbst.
Kapital und Arbeitskräfte wandern anschließend aus der alten Branche in die neue. Fabriken schließen, andere entstehen. Schumpeter sah darin keinen Unfall, sondern den Normalzustand: Eine Marktwirtschaft ist für ihn nie im Gleichgewicht, sondern immer in Bewegung. Wettbewerb bedeutet in seinem Bild nicht, dass zehn Firmen dasselbe Produkt etwas billiger anbieten. Wettbewerb bedeutet, dass jemand ein völlig anderes Produkt bringt.
Der Begriff in Börsenmeldungen und Stellenanzeigen
In Wirtschaftsnachrichten begegnet dir der Ausdruck fast immer dann, wenn Aktienkurse stark auseinanderlaufen. Wenn eine Firma für KI-Chips an einem Tag Milliarden an Wert gewinnt und ein Anbieter von Übersetzungsdiensten gleichzeitig einbricht, ist das genau dieses Muster. Analysten sprechen dann von Gewinnern und Verlierern einer Technologiewelle.
Auch im Alltag ist der Prozess sichtbar. Videotheken sind durch Streaming verschwunden, Reisebüros durch Buchungsportale seltener geworden, gedruckte Stadtpläne durch Navigations-Apps. Bei KI zeigt sich Ähnliches gerade bei Stockfoto-Anbietern und bei einfachen Textaufträgen, die früher freiberuflich vergeben wurden.
Ein verbreiteter Irrtum ist, den Begriff als Prognose zu lesen. Creative Destruction sagt nicht, dass jede neue Technik die alte verdrängt. Sehr viele Neuerungen scheitern schlicht. Der Begriff beschreibt ein Muster im Rückblick und ist kein Beweis dafür, dass eine bestimmte Firma untergehen wird. Wer ihn benutzt, um eine Aktienempfehlung zu begründen, macht aus einer Beobachtung eine Behauptung.