Ablaufschema des Agentic Investing: Links gibt ein Mensch ein Anlageziel mit Grenzen vor. In der Mitte eine Schleife aus vier Stationen – Planen, Werkzeug aufrufen, Ergebnis prüfen, nächsten Schritt festlegen –, angebunden an Kursdatenbank, Nachrichtenarchiv und Rechenmodul. Rechts eine Freigabestation mit menschlichem Kontrollpunkt, danach die Order an den Broker.

Agentic Investing

Agentic Investing bezeichnet Geldanlage, bei der ein Computerprogramm nicht nur Vorschläge macht, sondern eigenständig Schritte plant und ausführt – von der Recherche bis zur Order. Der Mensch legt die Ziele und Grenzen fest, die einzelnen Handgriffe übernimmt das Programm.

Beim Agentic Investing übernimmt ein Computerprogramm mehrere Arbeitsschritte der Geldanlage selbst. Es sucht Informationen, wertet sie aus, zieht Schlüsse und kann am Ende sogar eine Kauf- oder Verkaufsorder auslösen. Der Unterschied zu einem gewöhnlichen Anlage-Programm liegt in der Selbstständigkeit: Es wartet nicht auf jeden einzelnen Befehl, sondern arbeitet auf ein vorgegebenes Ziel hin. Ein Mensch sagt zum Beispiel: „Suche mir Aktien von europäischen Firmen mit stabilem Gewinn und lege monatlich 200 Euro an.“ Das Programm zerlegt diesen Auftrag in Teilaufgaben und erledigt sie nacheinander. Das Wort „agentic“ kommt vom englischen Begriff für einen Handelnden, also jemanden, der von sich aus tätig wird.

Warum Banken darauf setzen – und warum Aufseher nervös werden

Die Arbeit eines Analysten besteht zu einem großen Teil aus Lesen. Geschäftsberichte, Nachrichten, Zahlenreihen, Analystenkommentare – ein Mensch schafft davon pro Tag nur einen Bruchteil. Ein Programm kann tausende Dokumente in Minuten durchgehen. Große Banken und Fondsgesellschaften versprechen sich davon vor allem Tempo und niedrigere Kosten. Auch kleine Anleger sollen davon profitieren: Beratung, die früher nur ab hohen Vermögen zu haben war, wird plötzlich billig anzubieten.

Gleichzeitig entsteht ein neues Risiko. Wenn ein Mensch einen Fehler macht, betrifft das ein Depot. Wenn ein automatisches System einen Denkfehler hat und tausendfach eingesetzt wird, betrifft das den Markt. Aufsichtsbehörden warnen zudem vor Herdenverhalten: Nutzen viele Anbieter ähnliche Modelle, könnten alle zur gleichen Zeit dasselbe verkaufen wollen. Genau solche gleichgerichteten Bewegungen verstärken Kursstürze.

Dazu kommt die Haftungsfrage. Wer zahlt, wenn ein Agent eine falsche Order platziert? Bisher ist die Antwort eindeutig: das Unternehmen, das ihn betreibt. Deshalb sind die meisten Systeme in der Praxis vorsichtiger eingestellt, als die Werbung vermuten lässt.

Vom Auftrag zur Order: die Kette dahinter

Im Kern steht meist ein Sprachmodell – ein Programm, das aus riesigen Textmengen gelernt hat, Sprache zu verstehen und zu erzeugen. Allein könnte es nur Text produzieren. Nützlich wird es durch sogenannte Werkzeuge: Zugänge zu Kursdatenbanken, Nachrichtenarchiven, Rechenprogrammen und zur Handelsschnittstelle des Brokers. Das Modell entscheidet, welches Werkzeug es wann benutzt.

Der Ablauf läuft in Schleifen. Das System formuliert einen Zwischenschritt, führt ihn aus, betrachtet das Ergebnis und plant den nächsten Schritt. Ein Beispiel: Zuerst die Bilanzkennzahlen von zwanzig Firmen abrufen, dann die zehn schwächsten aussortieren, dann aktuelle Nachrichten zu den übrigen prüfen, dann eine Empfehlung schreiben. Läuft ein Schritt ins Leere, versucht das System einen anderen Weg.

Fast überall gibt es feste Grenzen, die das Programm nicht überschreiten darf. Typisch sind Obergrenzen pro Order, Verbote für bestimmte Wertpapierarten und ein Freigabeknopf für den Menschen vor der eigentlichen Ausführung. Fachleute nennen das „human in the loop“, also den Menschen als Zwischenstation. Ein reiner Vermögensverwalter ohne jede menschliche Kontrolle ist in Deutschland aufsichtsrechtlich derzeit kaum darstellbar.

Wo der Begriff auftaucht

Am häufigsten liest man ihn in Meldungen über Banken und Broker. Große Häuser wie JPMorgan oder Goldman Sachs berichten regelmäßig über interne Assistenzsysteme für ihre Analysten. Neobroker und Fintech-Firmen wiederum bewerben Funktionen, die Depots überwachen und bei Abweichungen Vorschläge machen. Oft steckt hinter dem Marketingwort aber nur ein Chatbot mit Kursdaten.

Ein zweiter Fundort sind Börsenmeldungen selbst. Anbieter von Handelssoftware, Datenlieferanten und Cloud-Konzerne nennen Agentic Investing als Wachstumsfeld, um ihre eigenen Aktien attraktiv zu machen. Wer solche Nachrichten liest, sollte prüfen, ob ein Produkt tatsächlich existiert oder nur angekündigt wurde.

Für Privatanleger lohnt eine nüchterne Einordnung. Ein Robo-Advisor, der stur nach festen Regeln umschichtet, ist noch kein Agent – er folgt einem starren Plan. Agentic wird es erst, wenn das System selbst entscheidet, welche Schritte nötig sind. Und auch dann bleibt gültig, was für jede Geldanlage gilt: Wer nicht versteht, warum etwas gekauft wird, sollte es nicht kaufen.

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