
AT Protocol
Das AT Protocol ist ein offenes Regelwerk für soziale Netzwerke, bei dem Nutzerkonto, Inhalte und App voneinander getrennt sind. Bekannt wurde es durch Bluesky, den ersten großen Dienst, der darauf aufbaut.
Das AT Protocol ist ein gemeinsames Regelwerk, an das sich verschiedene soziale Netzwerke halten können. Solche Regelwerke nennt man Protokolle: Sie legen fest, wie Programme miteinander Daten austauschen. Bei klassischen Netzwerken wie Instagram gehören Konto, Beiträge und App zu einer einzigen Firma. Das AT Protocol trennt diese drei Dinge. Dein Konto und deine Beiträge liegen an einem Ort deiner Wahl, die App ist nur eine Ansicht darauf. Wechselst du die App, nimmst du Name und Follower mit. Entwickelt wurde das Protokoll ab 2022 von einem Team um das Projekt Bluesky.
Was Kontowechsel ohne Neuanfang ändert
In heutigen Netzwerken ist ein Umzug praktisch unmöglich. Wer bei X aufhört, verliert seine Follower, seine alten Beiträge und seinen Namen. Diese Abhängigkeit gibt der Plattform sehr viel Macht. Sie kann Regeln, Werbemenge oder Preise ändern, weil niemand einfach weggehen kann. Fachleute nennen diesen Effekt Lock-in, also Eingeschlossensein.
Das AT Protocol soll genau das aufheben. Die Identität hängt nicht am Anbieter, sondern an einer eigenen Kennung des Nutzers. Zu diesem Konto gehört ein digitaler Schlüssel, mit dem sich Beiträge als echt nachweisen lassen. Deshalb steckt im Namen das Wort „Authenticated“, auf Deutsch etwa „beglaubigt“.
Für Unternehmen und Investoren ist das interessant, weil es das Geschäftsmodell verschiebt. Wenn Nutzer jederzeit gehen können, lässt sich ein Netzwerk schlechter über Zwang monetarisieren. Anbieter müssen dann durch bessere Funktionen überzeugen. Ob das wirtschaftlich funktioniert, ist bislang offen.
Datenspeicher, Relay und Ansicht
Das Protokoll teilt ein soziales Netzwerk in mehrere Bausteine. Der erste ist der persönliche Datenspeicher, im Fachjargon Personal Data Server. Dort liegen deine Beiträge, Likes und deine Follower-Liste. Dieser Speicher kann bei einer Firma stehen oder auf einem eigenen Rechner.
Der zweite Baustein sammelt ein: ein sogenanntes Relay liest laufend alle offenen Datenspeicher aus. Es bündelt die neuen Beiträge zu einem großen Strom von Ereignissen. Das ähnelt einer Nachrichtenagentur, die Meldungen aus vielen Quellen zusammenführt. Weiterverarbeitet wird dieser Strom dann von Diensten, die daraus eine Ansicht bauen.
Diese Ansicht ist das, was du als App siehst: eine Timeline, Suchergebnisse, Profile. Weil der Datenstrom offen ist, kann jeder eigene Ansichten anbieten. So entstehen zum Beispiel selbstgebaute Feeds nach eigenen Regeln, etwa nur Beiträge über Astronomie. Auch Moderation ist ein eigener Baustein: Filterlisten lassen sich von unabhängigen Anbietern abonnieren. Ein wichtiger Unterschied zu Mastodon: Dort gehört man einem Server an, hier ist der Server nur ein Aufbewahrungsort.
Bluesky und was daneben entsteht
Am sichtbarsten wird das Protokoll in Bluesky. Der Dienst startete 2023 zunächst nur mit Einladungen und wuchs später auf Millionen Konten. Er sieht auf den ersten Blick wie Twitter aus. Der Unterschied liegt darunter, in der geteilten Datenstruktur.
Rund um das Protokoll entstehen weitere Anwendungen. Es gibt Foto-Apps, Blog-Werkzeuge und Video-Dienste, die dieselben Konten nutzen. Ein einmal angelegtes Profil funktioniert in allen. Manche Nutzer verbinden ihr Konto sogar mit einer eigenen Internetadresse als Anzeigenamen.
In Wirtschaftsnachrichten tauchen dabei kritische Fragen auf. Der Betrieb von Relays ist teuer, weil sie riesige Datenmengen verarbeiten. Viele solcher Server betreibt bisher die Firma hinter Bluesky selbst. Ein häufiger Irrtum ist deshalb, das Netz sei schon vollständig dezentral. Technisch ist die Offenheit angelegt, in der Praxis liegt noch viel bei einem Anbieter.