
Fair-Value-Bewertung
Die Fair-Value-Bewertung setzt einen Vermögensgegenstand in der Bilanz mit dem Preis an, den er heute am Markt erzielen würde. Sie zeigt den aktuellen Wert statt des früheren Kaufpreises und lässt Bilanzen dadurch stärker schwanken.
Jedes Unternehmen führt Buch über das, was es besitzt. Diese Aufstellung heißt Bilanz. Nun stellt sich die Frage, welche Zahl dort für einen Besitz stehen soll. Eine Möglichkeit ist der Preis, den man damals beim Kauf bezahlt hat. Die andere Möglichkeit ist der Preis, den man heute bekommen würde, wenn man die Sache verkaufte. Genau diese zweite Zahl nennt man Fair Value, auf Deutsch beizulegender Zeitwert. Die Fair-Value-Bewertung trägt also nicht die Vergangenheit in die Bücher, sondern die Gegenwart.
Warum Bilanzen dadurch unruhiger werden
Der alte Kaufpreis ist eine bequeme Zahl. Er steht fest und ändert sich nie. Genau das ist aber sein Problem. Eine Bank, die Aktien für 100 Millionen Euro gekauft hat, hätte diese Zahl auch dann noch in den Büchern, wenn die Aktien nur noch 40 Millionen wert sind. Wer die Bilanz liest, bekäme ein völlig falsches Bild von der Lage.
Die Fair-Value-Bewertung soll das verhindern. Investoren, Aufsichtsbehörden und Kreditgeber sehen, was das Unternehmen heute tatsächlich hat. Das ist der große Vorteil: mehr Ehrlichkeit gegenüber der aktuellen Marktlage.
Der Preis dafür ist Unruhe. Steigen und fallen die Märkte, wandert diese Bewegung sofort in die Bilanz und oft auch in den ausgewiesenen Gewinn. Ein Unternehmen kann Verluste melden, ohne irgendetwas verkauft zu haben. Kritiker werfen der Methode deshalb vor, sie verstärke Krisen: In einem Absturz müssen alle gleichzeitig abwerten, was Panik zusätzlich anheizt. Diesen Effekt nennt man Prozyklizität.
Die drei Stufen bis zum Preisschild
Am einfachsten ist der Fall, wenn es einen echten Marktpreis gibt. Eine an der Börse gehandelte Aktie hat jeden Tag einen Kurs. Man schaut nach, trägt die Zahl ein, fertig. Fachleute sprechen hier von Stufe eins oder Level 1.
Oft gibt es keinen direkten Kurs. Dann sucht man nach vergleichbaren Dingen, für die es Preise gibt. Ein selten gehandeltes Wertpapier kann man an ähnlichen Papieren messen, ein Bürogebäude an kürzlich verkauften Nachbargebäuden. Das ist Stufe zwei: Man rechnet mit beobachtbaren Daten von außen.
Stufe drei ist der heikle Fall. Hier existiert weder ein Preis noch ein guter Vergleich. Dann schätzt das Unternehmen selbst, meist mit einem Rechenmodell, das künftige Einnahmen auf heute umrechnet. In das Modell fließen Annahmen ein: erwartetes Wachstum, Zinsen, Ausfallrisiken. Wer diese Annahmen ändert, ändert das Ergebnis. Genau deshalb schauen Prüfer bei Stufe drei besonders genau hin.
Wo die Zahl in den Nachrichten auftaucht
Am häufigsten liest man von Fair Value bei Banken und Versicherungen. Sie halten große Bestände an Anleihen und Aktien, deren Werte ständig schwanken. In der Bankenkrise 2023 wurde das zum Thema: Mehrere US-Banken saßen auf Anleihen, die durch gestiegene Zinsen deutlich an Marktwert verloren hatten. Solange sie die Papiere hielten, blieb der Verlust unsichtbar. Als sie verkaufen mussten, wurde er real.
Auch in der Technologiebranche ist der Begriff geläufig. Wagniskapitalgeber und Fonds halten Anteile an Start-ups, die nicht an der Börse gehandelt werden. Deren Wert ist eine Stufe-drei-Schätzung. Wenn ein KI-Start-up angeblich zehn Milliarden wert ist, steckt dahinter selten ein echter Verkauf, sondern der Preis der letzten Finanzierungsrunde plus ein Modell.
Ein verbreiteter Irrtum: Fair Value bedeutet nicht gerecht oder objektiv richtig. Das Wort fair meint hier lediglich marktgerecht. Und ein Marktpreis kann übertrieben hoch oder panisch niedrig sein. Die Methode bildet die Stimmung des Marktes ab, nicht eine höhere Wahrheit über den Wert einer Sache.