
Forward Multiple
Ein Forward Multiple setzt den heutigen Börsenwert eines Unternehmens ins Verhältnis zu einer erwarteten Zahl der Zukunft, meist dem Gewinn oder Umsatz des kommenden Jahres. Es ist die gängigste Kennzahl, um zu beurteilen, ob eine Aktie teuer oder günstig bewertet ist – besonders bei schnell wachsenden Tech- und KI-Firmen.
Wer eine Aktie kauft, kauft einen Anteil an einem Unternehmen. Die Frage ist immer: Ist der Preis dafür angemessen? Um das zu beantworten, teilt man den Preis durch etwas, das das Unternehmen tatsächlich erwirtschaftet – zum Beispiel durch seinen Gewinn. Das Ergebnis nennt man ein Multiple, also einen Vielfachen-Wert. Ein Forward Multiple benutzt dafür nicht den Gewinn des vergangenen Jahres, sondern den Gewinn, den Fachleute für die kommenden zwölf Monate erwarten. „Forward“ heißt hier schlicht: nach vorn gerichtet.
Warum Anleger lieber nach vorn schauen als zurück
Der Kurs einer Aktie richtet sich nach der Zukunft, nicht nach der Vergangenheit. Niemand zahlt heute Geld für Gewinne, die vor zwei Jahren geflossen sind. Bezahlt wird der Anspruch auf alles, was das Unternehmen ab jetzt verdient. Genau deshalb wirkt ein Blick zurück oft irreführend.
Besonders deutlich wird das bei jungen Technologiefirmen. Ein KI-Start-up kann im vergangenen Jahr Verluste gemacht haben und trotzdem Milliarden wert sein. Rechnet man mit dem Gewinn der Vergangenheit, kommt gar keine sinnvolle Zahl heraus. Rechnet man mit dem erwarteten Gewinn in zwei Jahren, ergibt die Bewertung plötzlich eine nachvollziehbare Geschichte.
Das Forward Multiple macht außerdem verschiedene Firmen vergleichbar. Ein Chiphersteller und ein Software-Anbieter haben ganz unterschiedliche Größen und Umsätze. Beim Multiple zählt nur das Verhältnis von Preis zu erwarteter Leistung. So lässt sich in einem Satz sagen, welche der beiden Aktien der Markt teurer bezahlt.
Die Rechnung hinter der Zahl
Die Grundformel ist einfach: Man teilt den Aktienkurs durch den erwarteten Gewinn je Aktie. Kostet eine Aktie 200 Euro und soll das Unternehmen im nächsten Jahr 10 Euro Gewinn pro Aktie erzielen, liegt das Forward Multiple bei 20. Umgangssprachlich sagt man dann: Die Aktie wird mit dem Zwanzigfachen ihres Gewinns gehandelt.
Man kann statt des Gewinns auch andere Größen einsetzen. Bei Firmen ohne Gewinn nimmt man häufig den erwarteten Umsatz. Dann spricht man vom Umsatz-Multiple. Ein Software-Unternehmen mit dem Fünfzehnfachen seines Jahresumsatzes gilt als hoch bewertet, ein Autobauer mit dem Einfachen seines Umsatzes als niedrig. Welche Bezugsgröße sinnvoll ist, hängt also stark von der Branche ab.
Der entscheidende Haken steckt im Wort „erwartet“. Die Zukunftszahlen stammen von Analysten, also von Fachleuten bei Banken und Research-Häusern. Das sind Schätzungen, keine Tatsachen. Fällt der tatsächliche Gewinn geringer aus, war die Aktie im Nachhinein viel teurer als gedacht. Ein Forward Multiple ist deshalb immer nur so verlässlich wie die Prognose, auf der es beruht.
Von Quartalszahlen bis Blasendebatte
In Börsennachrichten taucht die Kennzahl fast täglich auf. Sätze wie „Die Aktie notiert beim 30-fachen des erwarteten Gewinns“ sind Standard. Auch die Wendung „forward P/E“ liest man oft, die englische Abkürzung für das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis. Gemeint ist immer dasselbe Verhältnis von Preis zu Zukunftszahl.
Rund um den KI-Boom hat die Kennzahl besondere Bedeutung bekommen. Wenn Kritiker vor einer Blase warnen, verweisen sie meist auf ungewöhnlich hohe Forward Multiples bei Chip- und Cloud-Firmen. Verteidiger halten dagegen, dass die erwarteten Gewinne noch stark steigen und die Zahl dadurch von selbst schrumpft. Die Debatte dreht sich also nicht um den Kurs allein, sondern um die Glaubwürdigkeit der Prognose.
Ein häufiger Irrtum ist, ein niedriges Multiple automatisch für ein Schnäppchen zu halten. Oft ist es niedrig, weil der Markt mit sinkenden Gewinnen rechnet. Umgekehrt kann ein hohes Multiple berechtigt sein, wenn ein Unternehmen jahrelang stark wächst. Die Zahl ersetzt keine Analyse – sie fasst nur zusammen, was der Markt gerade erwartet.