
Unrealisierte Gewinne
Unrealisierte Gewinne sind Wertsteigerungen einer Anlage, die noch nicht durch einen Verkauf in echtes Geld verwandelt wurden. Sie stehen nur rechnerisch im Depot und können jederzeit wieder schrumpfen.
Wer eine Aktie für 100 Euro kauft und später sieht, dass sie 150 Euro wert ist, hat 50 Euro mehr als vorher. Aber nur auf dem Papier. Solange die Aktie nicht verkauft ist, existiert dieser Zuwachs bloß als Zahl im Depotauszug. Genau das nennt man einen unrealisierten Gewinn. Erst beim Verkauf fließt tatsächlich Geld aufs Konto, und aus dem Papierwert wird ein echter Gewinn. Man spricht dann davon, dass der Gewinn realisiert wurde.
Warum Papierwerte trügerisch sind
Ein unrealisierter Gewinn ist kein sicheres Guthaben, sondern eine Momentaufnahme. Er hängt vollständig davon ab, welchen Preis andere Leute heute für die Anlage zahlen würden. Fällt der Kurs morgen, sinkt der Gewinn mit. Er kann sogar in einen Verlust umschlagen, ohne dass man selbst irgendetwas getan hat.
Viele Anleger unterschätzen das. Sie sehen im Depot ein Plus von 40 Prozent und behandeln es innerlich wie Bargeld. In den Kursstürzen der Jahre 2000, 2008 und 2022 verschwanden solche Zuwächse innerhalb weniger Monate. Wer nicht verkauft hatte, hatte am Ende nichts davon. Das ist der wichtigste Unterschied zwischen einem Buchgewinn und einem realisierten Gewinn.
Trotzdem sind unrealisierte Gewinne nicht wertlos. Banken akzeptieren wertvolle Depots als Sicherheit für Kredite. Und wer langfristig anlegt, verkauft ohnehin selten, sondern lässt den Wert über Jahrzehnte wachsen. Die Zahl ist also durchaus aussagekräftig, nur eben nicht garantiert.
Wie der Wert im Depot zustande kommt
Die Rechnung ist simpel. Man nimmt den aktuellen Marktpreis der Anlage und zieht den Preis ab, den man beim Kauf bezahlt hat. Die Differenz mal die Anzahl der Stücke ergibt den unrealisierten Gewinn. Bei zehn Aktien, gekauft zu 100 Euro, aktuell bei 150 Euro, sind das 500 Euro.
Entscheidend ist die Frage, welcher Marktpreis überhaupt gilt. Bei einer Aktie ist das einfach, denn an der Börse wird laufend gehandelt. Bei einer Immobilie oder einem Anteil an einem jungen Unternehmen gibt es keinen ständigen Preis. Dort muss der Wert geschätzt werden, und solche Schätzungen liegen oft daneben. Unternehmen nennen dieses Bewerten zu aktuellen Marktpreisen Mark-to-Market.
Ein wichtiger Punkt ist die Steuer. In Deutschland zahlt man auf unrealisierte Gewinne in der Regel keine Abgeltungsteuer. Fällig wird sie erst beim Verkauf, also bei der Realisierung. Deshalb überlegen manche Anleger genau, in welchem Jahr sie verkaufen. Für Unternehmen gelten andere Regeln: Sie müssen bestimmte Wertänderungen schon vorher in ihrer Bilanz zeigen.
Was in Quartalszahlen und Krypto-Apps davon sichtbar wird
In jeder Depot-App und jeder Broker-Oberfläche steht die grüne oder rote Zahl neben der Position. Das ist der unrealisierte Gewinn oder Verlust. Auch Krypto-Börsen zeigen ihn prominent an, oft in großer Schrift. Diese Darstellung verleitet dazu, jede Kursbewegung wie einen echten Geldfluss zu erleben.
In Wirtschaftsnachrichten taucht der Begriff regelmäßig bei Quartalszahlen auf. Technologiekonzerne halten Beteiligungen an anderen Firmen, und deren Wertschwankungen laufen durch die Bilanz. So meldete Tesla in einzelnen Quartalen große Gewinne oder Verluste allein aus der Neubewertung seiner Bitcoin-Bestände. Mit dem eigentlichen Autogeschäft hatte das nichts zu tun.
Auch in der Debatte um Vermögen und Steuern spielt das Thema eine Rolle. Wenn Schlagzeilen melden, ein Firmengründer habe an einem Tag mehrere Milliarden verloren, meinen sie fast immer unrealisierte Beträge. Sein Aktienpaket ist weniger wert, verkauft hat er nichts. Ob solche Buchgewinne besteuert werden sollten, wird international seit Jahren diskutiert.