Schematischer Kapitalstapel einer Finanzierung: unten die schmale First-Loss-Tranche, darüber eine mittlere Tranche und oben die vorrangige Tranche. Ein Pfeil zeigt, dass Verluste von unten nach oben durchlaufen, ein zweiter Pfeil, dass Gewinne von oben nach unten verteilt werden.

First Loss

First Loss bezeichnet den Teil einer Finanzierung, der als Erstes ausfällt, wenn Verluste entstehen. Wer diese Position hält, schützt damit alle anderen Geldgeber und verlangt dafür eine hohe Rendite.

Wenn mehrere Geldgeber gemeinsam ein Projekt finanzieren, muss vorher geklärt sein, wer bei Verlusten zuerst dran ist. Genau das regelt der First Loss. Das ist der Teil des Geldes, der als Erstes verloren geht, sobald etwas schiefläuft. Erst wenn dieser Teil vollständig aufgebraucht ist, verlieren auch die übrigen Geldgeber etwas. Man kann sich das wie ein Deichsystem vorstellen: Der First Loss ist der äußere Deich, der die erste Flutwelle abfängt. Wer dahinter liegt, bleibt zunächst trocken.

Wer das Risiko trägt und was er dafür verlangt

Die First-Loss-Position ist die riskanteste Stelle einer Finanzierung. Bei einem Immobilienprojekt reicht schon ein Preisrückgang von zehn Prozent, um sie ganz oder teilweise auszulöschen. Wer sie übernimmt, verlangt deshalb deutlich mehr Rendite als eine normale Bank. Zweistellige Prozentsätze sind hier nichts Ungewöhnliches.

Für alle anderen Beteiligten ist diese Position der Grund, überhaupt mitzumachen. Eine Bank, die als Letzte Verluste trägt, kann ihr Geld günstiger verleihen. Ihr Risiko ist real kleiner, weil zwischen ihr und dem Verlust ein Puffer liegt. Diese Aufteilung nennt man Tranchierung: Ein Kredit wird in Stücke mit unterschiedlichem Risiko geschnitten.

Wichtig ist ein häufiges Missverständnis. First Loss bedeutet nicht, dass dieser Geldgeber alles verliert. Er verliert nur zuerst, und zwar bis zu einer festgelegten Grenze. Ist das Loch größer als sein Anteil, greifen auch die höheren Tranchen ins Leere.

Wie eine First-Loss-Tranche im Vertrag festgelegt wird

In der Praxis wird eine Prozentzahl vereinbart. Ein Beispiel: Ein Projekt kostet 100 Millionen Euro. Zehn Millionen davon sind als First Loss definiert, die restlichen 90 Millionen liegen darüber. Fällt der Wert des Projekts auf 95 Millionen, trägt der First-Loss-Geber die vollen fünf Millionen Verlust. Die anderen Geldgeber bekommen ihr Geld komplett zurück.

Sinkt der Wert dagegen auf 85 Millionen, ist die First-Loss-Tranche vollständig weg. Die zusätzlichen fünf Millionen Verlust treffen dann die nächste Ebene. Die Reihenfolge, in der das passiert, heißt Wasserfall. Verluste laufen von unten nach oben durch, Gewinne dagegen von oben nach unten.

Oft übernimmt derjenige die First-Loss-Position, der das Projekt selbst betreibt. Das ist beabsichtigt. Wer als Erster verliert, hat ein starkes Eigeninteresse daran, dass alles gut läuft. Fachleute sprechen hier von einem Anreiz, der die Interessen gleichrichtet.

First Loss in News, Förderprogrammen und KI-Rechenzentren

Am bekanntesten wurde der Begriff durch die Finanzkrise 2008. Damals wurden Hauskredite in Tranchen zerlegt und weiterverkauft. Käufer der unteren Stücke unterschätzten, wie schnell diese wertlos werden können. Seitdem taucht First Loss in Wirtschaftsnachrichten regelmäßig auf, wenn es um strukturierte Kredite geht.

Auch der Staat nutzt das Prinzip. Bei Förderprogrammen übernimmt eine öffentliche Bank die First-Loss-Position, damit private Investoren riskante Vorhaben überhaupt mitfinanzieren. Mit relativ wenig Steuergeld lässt sich so viel privates Kapital anstoßen. Man findet das bei Klimafonds, Start-up-Finanzierungen und Infrastruktur.

Für Tech-Leser ist ein aktueller Fall interessant. Der Bau von KI-Rechenzentren kostet Milliarden und wird zunehmend über solche gestaffelten Strukturen finanziert. Chiphersteller oder Cloud-Anbieter übernehmen dabei manchmal selbst eine Erstverlustposition. Sie signalisieren damit Vertrauen und senken die Zinsen für den Rest der Finanzierung. Wer solche Meldungen liest, sollte immer fragen, wie groß die First-Loss-Tranche wirklich ist.

Subscribe free. Unsubscribe the second it sucks.

High-signal news across AI, business, UX, and tech. Every morning.