Seasteading

Seasteading

Seasteading ist die Idee, dauerhaft bewohnte Plattformen oder schwimmende Siedlungen auf dem offenen Meer zu bauen, außerhalb der Kontrolle bestehender Staaten. Die Bewegung wird stark von Unternehmern aus dem Silicon Valley finanziert, hat bisher aber kaum bewohnte Anlagen hervorgebracht.

Seasteading bezeichnet den Plan, Menschen dauerhaft auf schwimmenden Bauwerken im Meer wohnen zu lassen. Das Wort setzt sich aus dem englischen « sea » für Meer und « homesteading » zusammen, also dem Besiedeln von unbewohntem Land. Gemeint sind Plattformen, umgebaute Schiffe oder verbundene Module, die weit genug von der Küste entfernt liegen. Der eigentliche Reiz liegt für die Anhänger nicht in der Technik, sondern in den Regeln: Auf hoher See gilt kein nationales Recht wie an Land. Wer dort siedelt, könnte theoretisch eigene Gesetze, eigene Steuern und eigene Währungen festlegen. Bisher existiert allerdings keine einzige dauerhaft bewohnte Siedlung dieser Art.

Der Traum vom Staat auf Bestellung

Hinter Seasteading steht eine politische Idee, keine reine Bauidee. Ihre Vertreter sehen Staaten als eine Art Dienstleister, den man wie einen Mobilfunkanbieter wechseln können sollte. An Land ist das schwierig: Auswandern kostet viel, und neue Staaten entstehen praktisch nie. Auf dem Meer wäre nach dieser Vorstellung Platz für hunderte kleine Gemeinwesen, die verschiedene Regelsysteme ausprobieren. Wem eine Siedlung nicht passt, der zieht mit seinem Modul einfach weiter.

Diese Vorstellung erklärt, warum das Thema regelmäßig in Tech- und Finanznachrichten auftaucht. Finanziert wird sie vor allem von Investoren aus dem Silicon Valley. Der bekannteste ist Peter Thiel, Mitgründer des Bezahldienstes PayPal, der das Seasteading Institute ab 2008 mit Millionenbeträgen unterstützte. Auch in der Kryptoszene ist die Idee beliebt, weil digitale Währungen ohne staatliche Zentralbank auskommen sollen.

Kritiker halten das Ganze für eine Flucht aus der Verantwortung. Wer sehr wohlhabend ist, könnte sich Steuern und Regeln entziehen, während die Kosten der Gesellschaft an Land bleiben. Andere weisen darauf hin, dass eine kleine Siedlung ohne Militär und ohne Bündnisse völlig schutzlos wäre. Beide Einwände sind bis heute nicht überzeugend beantwortet.

Beton, Wellen und die Frage nach dem Hoheitsgebiet

Technisch orientiert sich Seasteading an Bohrinseln und großen Kreuzfahrtschiffen. Solche Bauwerke gibt es seit Jahrzehnten, sie funktionieren also grundsätzlich. Der Unterschied liegt in der Dauer und den Kosten. Eine Bohrinsel bringt Öl ein, das ihren Betrieb bezahlt. Eine Wohnsiedlung auf See muss ihre Instandhaltung dagegen aus den Beiträgen der Bewohner finanzieren.

Salzwasser ist der größte Gegner. Es zerfrisst Metall, und Stürme belasten die Verankerung dauerhaft. Deshalb planen die meisten Entwürfe geschützte Lagen im flachen Wasser, etwa vor Inseln, statt echter Hochsee. Strom soll aus Sonne und Wind kommen, Trinkwasser aus Entsalzungsanlagen. Das erhöht die Kosten pro Bewohner deutlich über das Niveau einer normalen Wohnung an Land.

Der rechtliche Teil ist noch schwieriger als der bauliche. Jeder Staat kontrolliert eine Zone von zwölf Seemeilen vor seiner Küste und beansprucht wirtschaftliche Rechte bis 200 Seemeilen. Erst danach beginnt die eigentliche Hochsee. Dort aber gilt: Jedes schwimmende Objekt braucht eine Flagge, also einen Staat, der für es zuständig ist. Genau das hebt die erhoffte Unabhängigkeit wieder auf.

Zwischen Ankündigung und der Plattform vor Phuket

In den Nachrichten begegnet Seasteading meist in Form von Renderings, also am Computer erzeugten Bildern geplanter Anlagen. Diese Bilder zeigen sechseckige Plattformen mit Palmen und Glasfassaden. Gebaut wurde davon fast nichts. Ein Abkommen mit Französisch-Polynesien über eine Testsiedlung scheiterte 2018 am politischen Widerstand vor Ort.

Ein Fall wurde weltweit bekannt. 2019 errichtete ein Paar eine kleine Wohnplattform vor der thailändischen Insel Phuket. Thailand betrachtete das als Angriff auf seine Souveränität und ermittelte gegen die beiden. Die Anlage wurde entfernt, das Paar verließ das Land. Der Fall gilt seither als Beispiel dafür, wie schnell Staaten reagieren.

Verwandt, aber nicht identisch, sind schwimmende Stadtviertel gegen den steigenden Meeresspiegel. In Südkorea entsteht mit Unterstützung der Vereinten Nationen ein solches Projekt vor Busan. Es ist ausdrücklich Teil der Stadt und untersteht koreanischem Recht. Genau darin liegt der Unterschied: Diese Bauten wollen Wohnraum schaffen, Seasteading dagegen politische Unabhängigkeit.

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