AI Before Design

AI Before Design

AI Before Design bezeichnet eine Arbeitsweise, bei der zuerst geklärt wird, was eine künstliche Intelligenz in einem Produkt leisten kann, und erst danach die Bedienoberfläche entworfen wird. Der Ansatz kehrt die übliche Reihenfolge um, bei der ein Produkt fertig gestaltet wird und KI später eingebaut wird.

Wer eine App oder ein Programm entwickelt, entscheidet früh, wie es aussehen und sich bedienen lassen soll. Diese Gestaltung nennt man Design: Buttons, Menüs, Bildschirmseiten, Abläufe. Lange Zeit war die Reihenfolge klar. Erst wurde das Produkt entworfen, dann wurde Technik hinzugefügt, oft auch selbstlernende Software. AI Before Design dreht diese Reihenfolge um. Zuerst prüft ein Team, was selbstlernende Software in diesem Fall überhaupt gut kann und wo sie Fehler macht. Erst aus dieser Antwort entsteht dann die Gestaltung der Oberfläche.

Warum aufgesetzte KI-Funktionen oft scheitern

Der Ansatz ist eine Reaktion auf ein häufiges Problem. Viele Unternehmen haben in den letzten Jahren fertige Produkte genommen und einen Chatbot danebengestellt. Das Ergebnis war oft eine Schaltfläche mit einem kleinen Stern-Symbol, die niemand benutzte. Die Funktion passte nicht zu dem, was Nutzer an dieser Stelle tun wollten.

Der Grund liegt in einem Unterschied zu klassischer Software. Ein normaler Taschenrechner liefert bei gleicher Eingabe immer dasselbe Ergebnis. Ein Sprachmodell, also ein Programm, das Texte fortschreibt, antwortet bei gleicher Frage jedes Mal etwas anders. Manchmal liegt es auch falsch. Eine Oberfläche, die für verlässliche Antworten entworfen wurde, bricht unter solchen Bedingungen zusammen.

Deshalb argumentieren Vertreter des Ansatzes: Die Unsicherheit der Technik muss von Anfang an in den Entwurf einfließen. Man kann sie nicht nachträglich hinter einer schönen Oberfläche verstecken. Wer es doch versucht, baut ein Produkt, das im Test gut aussieht und im Alltag enttäuscht.

Vom Prototyp zur Oberfläche

In der Praxis beginnt ein solches Projekt mit Experimenten statt mit Skizzen. Das Team füttert ein Modell mit echten Daten aus dem geplanten Anwendungsfall. Dann misst es, wie oft die Antworten brauchbar sind. Eine typische Frage lautet: Liegt die Trefferquote bei 95 Prozent oder eher bei 70?

Diese Zahl entscheidet über die Gestaltung. Bei 95 Prozent kann die Software eine Aufgabe selbst erledigen und das Ergebnis einfach anzeigen. Bei 70 Prozent muss der Entwurf dem Menschen die Kontrolle lassen. Dann schlägt das System drei Möglichkeiten vor, und der Nutzer wählt aus. Beide Varianten sind gute Produkte, aber sie sehen völlig verschieden aus.

Ein Vergleich hilft: Ein Architekt entwirft ein Haus nicht, bevor er den Baugrund kennt. Auf Fels baut man anders als auf Sand. Die Fähigkeiten des Modells sind der Baugrund für die Oberfläche. Wichtig ist dabei eine Abgrenzung. AI Before Design bedeutet nicht, dass Design unwichtig wird. Es bedeutet nur, dass Design später an der Reihe ist und dafür auf festerem Boden steht.

Der Ansatz in Produkten und Stellenanzeigen

Sichtbar wird das Prinzip überall dort, wo KI-Funktionen den Nutzer nicht überfahren. Schreibprogramme markieren Vorschläge in grauer Schrift, bis man sie mit der Tabulatortaste annimmt. Programmierwerkzeuge zeigen vorgeschlagenen Code zur Prüfung an, statt ihn einfach einzufügen. Diese Muster sind kein Zufall, sondern eine direkte Antwort auf die Fehlerquote der Modelle.

In Wirtschaftsmeldungen taucht der Begriff meist im Zusammenhang mit Umbauten in Unternehmen auf. Firmen berichten, dass Designer und Entwickler jetzt gemeinsam an frühen Versuchen arbeiten, statt nacheinander. In Stellenanzeigen liest man Formulierungen wie Prototyping mit Modellen als Teil des Gestaltungsprozesses.

Ein häufiger Irrtum ist, den Ansatz als Aufforderung zu verstehen, überall KI einzubauen. Gemeint ist das Gegenteil. Wer früh testet, merkt oft, dass ein Modell für eine bestimmte Aufgabe zu unzuverlässig ist. Dann entsteht ein Produkt ganz ohne diese Funktion, und das gilt als Erfolg des Verfahrens.

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