Kreislaufschema eines Handelsagenten: Vom vorgegebenen Ziel führen Pfeile über die Schritte Lage prüfen, Aktion wählen, Order ausführen und Ergebnis beobachten wieder zurück zum Anfang; seitlich angebunden sind die Werkzeuge Kursdaten, Nachrichtensuche und Broker-Schnittstelle sowie ein Filter mit Limits und menschlicher Freigabe vor der Orderausführung.

Agentic Trading

Agentic Trading bezeichnet den Wertpapierhandel durch Computerprogramme, die selbst entscheiden, welche Schritte sie als Nächstes tun. Anders als klassische Handelsprogramme folgen sie keinem festen Regelplan, sondern verfolgen ein vorgegebenes Ziel und suchen sich den Weg dorthin.

Beim Agentic Trading kauft und verkauft ein Computerprogramm Aktien oder andere Wertpapiere weitgehend selbstständig. Das Besondere ist nicht, dass eine Maschine handelt — das gibt es seit Jahrzehnten. Neu ist, dass das Programm nicht bloß eine feste Liste von Wenn-dann-Regeln abarbeitet. Stattdessen bekommt es ein Ziel, etwa: „Baue diese Position über den Tag ab, ohne den Kurs zu drücken.“ Wie es dieses Ziel erreicht, entscheidet es unterwegs selbst. Möglich wird das durch KI-Systeme, die Texte und Zahlen auswerten und daraus eine Handlungsfolge ableiten können.

Warum Banken darauf schauen

Ein Händler an einer großen Bank verbringt einen erheblichen Teil seines Tages nicht mit Entscheidungen, sondern mit Vorarbeit. Er liest Nachrichten, prüft Quartalszahlen, vergleicht Kurse, ruft Daten aus verschiedenen Systemen ab. Genau diese Kette lässt sich an ein Programm abgeben, das rund um die Uhr arbeitet und nicht müde wird. Der versprochene Gewinn liegt also zuerst in der Geschwindigkeit und im gesparten Personalaufwand.

Dazu kommt ein zweiter Punkt: Menge. Ein Mensch kann vielleicht zwanzig Märkte im Blick behalten, ein Programm tausende gleichzeitig. Große Vermögensverwalter wie BlackRock oder Handelshäuser wie Citadel investieren deshalb stark in solche Systeme. Auch Anbieter von Handelssoftware werben inzwischen offen mit KI-Agenten für Privatanleger.

Gleichzeitig macht das den Aufsichtsbehörden Sorgen. Wenn viele Programme ähnlich gebaut sind und auf dieselbe Nachricht gleich reagieren, verstärken sie Bewegungen am Markt. Ein Kursrutsch kann sich so binnen Minuten aufschaukeln. Die europäische Wertpapieraufsicht ESMA und die Bundesbank haben genau davor mehrfach gewarnt.

Vom Ziel zur ausgeführten Order

Im Kern steht meist ein Sprachmodell, also ein KI-System, das mit riesigen Textmengen trainiert wurde und daraus Antworten formuliert. Dieses Modell kann alleine allerdings nichts kaufen. Es bekommt deshalb Werkzeuge zur Verfügung gestellt: einen Zugang zu Kursdaten, eine Nachrichtensuche, einen Rechner und eine Schnittstelle zum Handelssystem des Brokers. Das Modell entscheidet, welches Werkzeug es wann benutzt.

Der Ablauf läuft in Schleifen. Das System prüft die Lage, wählt eine Aktion, führt sie aus und sieht sich das Ergebnis an. Danach beginnt der Zyklus von vorn, mit dem neuen Wissen. Fachleute nennen dieses Muster „Plan, Handeln, Beobachten“. Weil jeder Durchlauf auf dem vorherigen aufbaut, kann das System auch mehrstufige Aufgaben erledigen, für die eine einzelne Anweisung nicht reicht.

Fast immer sind dabei Grenzen fest einprogrammiert, sogenannte Guardrails. Typisch sind ein maximaler Betrag pro Order, eine Verlustschwelle, ab der alles gestoppt wird, und eine Liste erlaubter Wertpapiere. Bei größeren Summen muss zusätzlich ein Mensch zustimmen, bevor die Order rausgeht. Das ist kein Detail, sondern der entscheidende Unterschied zwischen einem Experiment und einem Produkt, das aufsichtsrechtlich zulässig ist.

Zwischen Broker-App und Schlagzeile

In Deutschland ist vollautomatisches Agentic Trading für Privatkunden bisher kaum verfügbar. Was Broker-Apps anbieten, sind meist Vorstufen: ein Assistent, der Depots kommentiert, Nachrichten zusammenfasst oder Ordervorschläge macht. Den letzten Klick macht der Nutzer. Robo-Advisor wiederum legen zwar automatisch an, aber nach starren Regeln — sie sind daher kein Agentic Trading.

In den Nachrichten taucht der Begriff vor allem in zwei Zusammenhängen auf. Erstens, wenn Finanzkonzerne neue KI-Produkte ankündigen und ihre Aktienkurse darauf reagieren. Zweitens, wenn Regulierer Regeln dafür diskutieren, etwa im Rahmen der EU-KI-Verordnung.

Ein verbreiteter Irrtum lohnt zum Schluss: Agentic Trading ist nicht dasselbe wie Hochfrequenzhandel. Dort geht es um Millionstel Sekunden und sehr einfache Regeln, hier um komplexe Entscheidungen über Minuten oder Stunden. Und wer solchen Systemen eigenes Geld anvertraut, sollte wissen, dass niemand ihre Entscheidungen vollständig nachvollziehen kann.

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