
Volumengewichteter Durchschnittskurs
Der volumengewichtete Durchschnittskurs, kurz VWAP, ist der Durchschnittspreis einer Aktie über einen Zeitraum, bei dem große Handelsmengen stärker zählen als kleine. Er zeigt, zu welchem Preis das Geld an einem Handelstag tatsächlich geflossen ist.
An der Börse wechselt eine Aktie an einem Tag tausendfach den Besitzer. Jeder dieser Abschlüsse hat einen eigenen Preis und eine eigene Stückzahl. Der volumengewichtete Durchschnittskurs fasst all diese Abschlüsse zu einer einzigen Zahl zusammen. Dabei zählt ein Abschluss über 100.000 Stück deutlich mehr als einer über 10 Stück. Man rechnet also nicht den schlichten Mittelwert aller Preise, sondern gewichtet jeden Preis mit der gehandelten Menge. Das Ergebnis beantwortet die Frage: Zu welchem Preis wurde an diesem Tag im Schnitt wirklich Geld bewegt?
Warum Händler sich daran messen lassen
Wer eine große Position kaufen oder verkaufen will, kann das nicht in einem Schlag tun. Eine Fondsgesellschaft, die eine Million Aktien braucht, würde damit den Kurs selbst nach oben treiben. Also verteilt sie den Auftrag über den ganzen Tag in viele kleine Portionen. Am Abend stellt sich die Frage, ob das gut gelaufen ist. Der volumengewichtete Durchschnittskurs liefert dafür den Vergleichsmaßstab.
Die Logik ist einfach: Wer als Käufer unter dem Tagesdurchschnitt gekauft hat, war besser als der Markt. Wer darüber liegt, hat zu teuer eingekauft. Deshalb steht in Verträgen zwischen Fonds und Banken oft ausdrücklich, dass die Ausführung am VWAP gemessen wird. Manche Banken garantieren ihren Kunden sogar, genau zu diesem Kurs abzurechnen, und tragen das Risiko selbst.
Auch außerhalb des Handelssaals taucht die Kennzahl auf. Aktienrückkäufe von Unternehmen und die Umrechnung von Wandelanleihen werden häufig an einem VWAP über mehrere Tage festgemacht. Das schützt beide Seiten davor, dass ein einzelner ungewöhnlicher Schlusskurs die Abrechnung verzerrt.
Die Rechnung hinter der Kennzahl
Die Formel ist überschaubar. Man multipliziert bei jedem Abschluss den Preis mit der Stückzahl. Alle diese Produkte addiert man auf und teilt die Summe durch die insgesamt gehandelte Stückzahl. Wurden 100 Aktien zu 10 Euro und 900 Aktien zu 20 Euro gehandelt, ergibt das 19.000 Euro geteilt durch 1.000 Stück, also 19 Euro. Der schlichte Mittelwert aus 10 und 20 wäre 15 Euro gewesen und damit irreführend.
Üblicherweise startet die Rechnung mit der Börseneröffnung neu und läuft über den Tag mit. Der Wert ist deshalb kumulativ: Er verändert sich mit jedem neuen Abschluss, aber immer träger. Am Vormittag reagiert er noch stark auf einzelne Kurssprünge, am Nachmittag kaum noch. Das liegt daran, dass die bereits gehandelte Menge im Nenner immer größer wird.
Ein verwandter Begriff ist der TWAP, der zeitgewichtete Durchschnittskurs. Er behandelt jede Minute gleich, egal wie viel gehandelt wurde. Für ruhige Märkte kann das sinnvoll sein. In der Praxis ist der VWAP aber verbreiteter, weil er die tatsächliche Marktaktivität abbildet. Ein häufiger Irrtum ist, den VWAP für eine Prognose zu halten. Er beschreibt nur die Vergangenheit und sagt nichts über den nächsten Kurs.
Vom Handelsalgorithmus bis zur Chartsoftware
Am sichtbarsten ist die Kennzahl in der Handelssoftware großer Banken. Dort gibt es sogenannte VWAP-Algorithmen: Computerprogramme, die einen großen Auftrag automatisch in Häppchen zerlegen. Sie schätzen aus historischen Daten, wie sich das Handelsvolumen über den Tag verteilt, und kaufen dann entsprechend viel. Morgens und kurz vor Schluss ist an der Börse am meisten los, mittags am wenigsten.
Auch Privatanleger stoßen auf den Begriff. In Chartprogrammen wie TradingView lässt sich eine VWAP-Linie einblenden. Manche Kurzfristhändler nutzen sie als Orientierung und sehen einen Kurs über der Linie als Zeichen von Stärke. Wissenschaftlich belegt ist dieser Nutzen nicht, die eigentliche Aufgabe der Kennzahl liegt in der Ausführungsmessung.
In Nachrichten begegnet einem der VWAP meist im Kleingedruckten. Wenn ein Konzern einen Aktienrückkauf meldet, steht dort oft der durchschnittlich gezahlte Kurs. Bei Börsengängen und Mitarbeiteraktien wird der Preis ebenfalls häufig über einen mehrtägigen VWAP bestimmt. Der Grund ist immer derselbe: Diese Zahl lässt sich schwerer manipulieren als ein einzelner Kurs zu einem einzelnen Zeitpunkt.