
Vibe Coding
Vibe Coding bezeichnet das Programmieren, bei dem man einem KI-System in normaler Sprache beschreibt, was das Programm tun soll, und den erzeugten Code kaum noch selbst liest. Der Begriff stammt von KI-Forscher Andrej Karpathy und wurde 2025 zum Schlagwort für eine neue, sehr schnelle, aber auch riskante Art der Softwareentwicklung.
Programme bestehen aus Anweisungen, die ein Computer Schritt für Schritt ausführt. Diese Anweisungen wurden bisher von Menschen in einer künstlichen Sprache geschrieben, etwa Python oder JavaScript. Beim Vibe Coding schreibt man sie nicht mehr selbst. Stattdessen beschreibt man einem KI-Programm auf Deutsch oder Englisch, was am Ende herauskommen soll: « Baue mir eine Webseite, auf der ich Vokabeln abfragen kann. » Die KI erzeugt den Text der Anweisungen, man startet das Ergebnis, schaut sich an, ob es passt, und beschreibt bei Fehlern einfach nachträglich, was noch anders sein soll. Entscheidend ist: Der Mensch prüft die erzeugten Anweisungen nicht Zeile für Zeile, sondern beurteilt nur, ob sich das Ergebnis richtig anfühlt. Genau darauf spielt das englische Wort « vibe » an, also Stimmung oder Gefühl.
Wer plötzlich Software bauen kann
Programmieren zu lernen dauert Jahre. Vibe Coding senkt diese Hürde drastisch. Wer eine Idee hat, kann in einem Nachmittag eine funktionierende App bauen, ohne eine Programmiersprache zu beherrschen. Für kleine Werkzeuge, Prototypen und Hobbyprojekte ist das eine echte Veränderung. Start-ups zeigen inzwischen Produkte, deren erste Version fast vollständig auf diesem Weg entstand.
Auch geübte Entwickler arbeiten schneller. Routinearbeit, die früher Stunden kostete, erledigt die KI in Minuten. Genau deshalb ist der Begriff für Anleger interessant. Wenn ein Team mit fünf Leuten leistet, wofür es früher zwanzig brauchte, verändert das die Kostenrechnung ganzer Branchen. Firmen wie Cursor, Lovable oder Replit werden mit Milliardenbeträgen bewertet, obwohl sie erst wenige Jahre alt sind.
Es gibt aber eine Kehrseite, die in Fachkreisen heftig diskutiert wird. Wer nicht versteht, was sein Programm tut, kann Fehler nicht finden. Sicherheitslücken bleiben unentdeckt, weil niemand den Code gelesen hat. Für ein Spiel ist das harmlos. Für eine App, die Passwörter oder Zahlungsdaten verarbeitet, ist es gefährlich. Fachleute empfehlen Vibe Coding deshalb für Experimente, nicht für Systeme, auf die sich viele Menschen verlassen.
Der Kreislauf aus Beschreiben und Ausprobieren
Technische Grundlage sind große Sprachmodelle. Das sind KI-Systeme, die aus riesigen Textmengen gelernt haben, welche Wörter und Zeichen typischerweise aufeinander folgen. Weil im Internet Millionen von Programmen öffentlich einsehbar sind, haben diese Modelle auch gelernt, wie Code aussieht. Sie erzeugen ihn nach demselben Prinzip wie einen Aufsatz: Zeichen für Zeichen, immer die wahrscheinlichste Fortsetzung.
Der Arbeitsablauf ist ein Kreislauf mit vier Schritten. Man beschreibt den Wunsch, die KI erzeugt Code, man führt ihn aus, man beschreibt die Abweichung. Modernere Werkzeuge kürzen diesen Kreis ab. Sie führen das Programm selbst aus, lesen die Fehlermeldung und versuchen sofort eine Korrektur. Solche Systeme nennt man Coding-Agenten, weil sie mehrere Schritte ohne Rückfrage abarbeiten.
Ein häufiger Irrtum ist, Vibe Coding sei einfach ein Synonym für KI-Unterstützung beim Programmieren. Das trifft nicht zu. Wer Vorschläge einer KI liest, prüft und bewusst übernimmt, betreibt kein Vibe Coding. Das Merkmal ist gerade das Loslassen der Kontrolle über den Code. Karpathy beschrieb es sinngemäß so: Man vergisst, dass da überhaupt Code ist.
Vom Schulprojekt bis zur Quartalszahl
Im Alltag begegnet man dem Prinzip in Werkzeugen wie Cursor, GitHub Copilot, Claude Code oder Lovable. Manche sind vollwertige Entwicklungsumgebungen, andere Webseiten, auf denen man nur einen Satz eintippt und eine fertige Anwendung zurückbekommt. Für einfache Projekte, etwa einen Terminplaner für eine Schülerzeitung, reicht das oft aus.
In Wirtschaftsnachrichten taucht der Begriff aus zwei Richtungen auf. Erstens bei den Bewertungen der genannten Firmen, die zu den am schnellsten wachsenden Software-Unternehmen überhaupt zählen. Zweitens in der Debatte über Arbeitsplätze: Große Technologiekonzerne begründen zurückhaltende Einstellungen bei Junior-Entwicklern inzwischen offen mit KI-Werkzeugen. Ob das langfristig stimmt, ist umstritten, denn Wartung und Prüfung von Code werden dadurch nicht weniger, sondern mehr.