Schema-Vergleich: links ein Single-Tenant-Aufbau mit drei Kunden, die je eine eigene Programmkopie und eigene Datenbank haben; rechts ein Multi-Tenant-Aufbau, in dem dieselben drei Kunden über eine gemeinsame Programmkopie auf eine Datenbank zugreifen, deren Einträge durch Kunden-Kennnummern getrennt sind.

Multi-Tenant-System

Ein Multi-Tenant-System ist eine Software, die viele Kunden gleichzeitig auf derselben Anlage bedient, deren Daten dabei aber streng getrennt hält. Fast alle Online-Dienste, die man im Browser nutzt, funktionieren nach diesem Prinzip.

Wenn ein Unternehmen ein Programm im Internet anbietet, muss es entscheiden, wie viele Kunden sich eine Anlage teilen. Bei einem Multi-Tenant-System läuft für alle Kunden nur eine einzige Kopie des Programms auf denselben Rechnern. Jeder Kunde heißt in diesem Zusammenhang Tenant, auf Deutsch etwa Mieter oder Mandant. Jeder sieht ausschließlich seine eigenen Daten und merkt von den anderen nichts. Der Vergleich mit einem Mietshaus passt gut: alle wohnen im selben Gebäude, teilen sich Fundament, Heizung und Treppenhaus, aber jede Wohnung hat ihr eigenes Schloss. Das Gegenstück heißt Single-Tenant: dort bekommt jeder Kunde eine eigene, komplett getrennte Installation.

Warum Cloud-Dienste so billig sein können

Der Hauptgrund für diese Bauweise ist Geld. Ein Server kostet gleich viel, egal ob ein Kunde ihn nutzt oder tausend. Wer sich die Anlage teilt, teilt sich auch die Kosten. Deshalb kann ein Anbieter Software für ein paar Euro im Monat verkaufen, deren Betrieb pro Kunde allein niemals bezahlbar wäre.

Dazu kommt der Aufwand für Wartung. Wenn ein Sicherheitsloch gestopft werden muss, gibt es in einem Multi-Tenant-System nur eine Stelle zu reparieren. Bei tausend getrennten Installationen wären es tausend Updates. Neue Funktionen erscheinen deshalb bei allen Kunden am selben Tag.

Der Preis dafür ist eine geringere Wahlfreiheit. Ein einzelner Kunde kann sich keine ältere Version behalten, wenn ihm die neue nicht gefällt. Banken, Krankenhäuser und Behörden verlangen aus solchen Gründen manchmal ausdrücklich eine eigene, getrennte Installation. Diese ist dann deutlich teurer.

Wie die Daten der Mieter getrennt bleiben

Die zentrale technische Aufgabe ist die Trennung der Daten. In der Datenbank, also der Ablage für alle Informationen des Dienstes, bekommt fast jeder Eintrag eine Kennnummer des Kunden mitgegeben. Bei jeder Abfrage prüft das System, wer gerade fragt, und liefert nur Einträge mit der passenden Nummer zurück. Andere Anbieter gehen weiter und legen für jeden Kunden eine eigene Datenbank an, betreiben aber weiterhin nur ein Programm.

Genau hier liegt auch die größte Gefahr. Vergisst ein Entwickler bei einer einzigen Abfrage die Prüfung der Kennnummer, sieht ein Kunde plötzlich fremde Daten. Solche Fehler heißen Datenlecks und haben schon große Anbieter in Schwierigkeiten gebracht. Deshalb bauen moderne Systeme die Prüfung so tief ein, dass man sie nicht versehentlich weglassen kann.

Ein zweites Problem nennt man den lauten Nachbarn. Wenn ein einzelner Kunde plötzlich enorm viel Rechenleistung verbraucht, wird der Dienst für alle anderen langsam. Anbieter setzen dagegen Obergrenzen pro Kunde, sogenannte Limits. Wer mehr braucht, muss zusätzlich zahlen.

Von Google Docs bis zur ChatGPT-Schnittstelle

Praktisch jeder Dienst, den man ohne Installation im Browser benutzt, ist ein Multi-Tenant-System. Google Docs, Spotify, Microsoft 365 oder Schulplattformen laufen für Millionen Nutzer auf gemeinsamen Anlagen. Auch die Cloud selbst funktioniert so: Amazon und Microsoft vermieten dieselben Rechenzentren an unzählige Firmen gleichzeitig.

In der KI-Branche ist das Prinzip besonders sichtbar. Wenn eine Firma über eine Schnittstelle ein Sprachmodell von OpenAI oder Anthropic nutzt, bekommt sie kein eigenes Modell. Ihre Anfragen laufen über dieselben Grafikkarten wie die aller anderen Kunden. Das ist der Grund, warum solche Anfragen nur Bruchteile eines Cents kosten.

In Nachrichten taucht der Begriff meist in zwei Zusammenhängen auf. Entweder geht es um Datenschutz, weil ein Unternehmen seine Daten nicht mit fremden Firmen auf einem Rechner wissen will. Oder es geht um Preise, wenn ein Anbieter mit geteilter Infrastruktur einen Konkurrenten unterbietet.

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