Selbstdomestizierung

Selbstdomestizierung

Selbstdomestizierung bezeichnet die Idee, dass sich eine Art im Lauf sehr langer Zeiträume selbst zahmer gemacht hat, ohne dass jemand sie gezüchtet hätte. Meist ist damit der Mensch gemeint: Wer friedlicher und kooperativer war, bekam mehr Nachkommen.

Wenn Menschen über viele Generationen hinweg Tiere aussuchen und weiterzüchten, verändern sich diese Tiere. Aus Wölfen wurden so Hunde: kleinere Zähne, buntere Fellzeichnung, weniger Angriffslust. Diesen Vorgang nennt man Domestizierung, also Zähmung durch gezielte Auswahl. Selbstdomestizierung meint dasselbe Ergebnis ohne einen Züchter von außen. Die Auswahl passiert innerhalb der Gruppe selbst: Wer aggressiv ist, wird ausgestoßen oder gemieden und hat weniger Nachkommen. Wer verträglich ist, findet Partner und Verbündete. Über Zehntausende Jahre verschiebt sich dadurch der Durchschnitt der ganzen Art.

Warum Forscher den Menschen für gezähmt halten

Der Begriff taucht vor allem in der Frage auf, warum Menschen so gut zusammenarbeiten können. Kein anderes großes Säugetier hält es aus, zu Tausenden in einer Stadt zu leben, ohne dass es ständig zu Kämpfen kommt. Schimpansen in einem vollen Flugzeug wären ein Blutbad. Menschen sitzen dort stundenlang friedlich nebeneinander.

Auffällig ist außerdem, wie sich der menschliche Körper in den letzten rund 300.000 Jahren verändert hat. Die Gesichter wurden flacher, die Augenbrauenwülste kleiner, die Zähne feiner. Genau solche Merkmale zeigen auch domestizierte Tiere im Vergleich zu ihren wilden Verwandten. Fachleute sprechen vom Domestikationssyndrom, also einem Bündel von Merkmalen, das immer wieder gemeinsam auftritt.

Wichtig ist eine Abgrenzung: Zahm heißt nicht friedlich. Die Selbstdomestizierungshypothese erklärt, warum spontane Wutausbrüche selten sind. Sie erklärt nicht, warum Menschen Kriege führen. Der Anthropologe Richard Wrangham unterscheidet deshalb zwischen hitziger Aggression im Affekt, die beim Menschen stark zurückgegangen ist, und geplanter Gewalt, die eher zugenommen hat.

Der Mechanismus hinter der Zähmung

Der entscheidende Punkt ist, wer über Fortpflanzung entscheidet. Bei Hunden war es der Mensch. Bei der Selbstdomestizierung ist es die Gruppe. In kleinen Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften konnten sich mehrere Mitglieder gegen einen Tyrannen verbünden. Sprache machte das möglich: Man kann sich absprechen, ohne dass das Opfer es merkt. Wer dauernd andere bedrohte, verlor seine Stellung oder sein Leben.

Auf der Ebene der Biologie gibt es dafür eine Erklärung. Während ein Embryo wächst, wandert eine bestimmte Zellgruppe, die Neuralleiste, durch den Körper. Aus ihr entstehen unter anderem Teile des Gesichts, die Farbzellen der Haut und die Nebennieren, die Stresshormone herstellen. Kommen davon etwas weniger Zellen an, wird das Tier zugleich weniger schreckhaft und sieht anders aus. Aggression und Aussehen hängen also am selben Faden.

Ein oft genanntes Beispiel sind russische Silberfüchse. Ab 1959 wurden dort über Jahrzehnte nur die zutraulichsten Tiere weitergezüchtet. Nach wenigen Generationen hatten die Füchse Schlappohren, gefleckte Felle und ringelten mit dem Schwanz. Niemand hatte auf das Aussehen selektiert, nur auf das Verhalten. Genau dieser Zusammenhang macht die Hypothese für den Menschen plausibel.

Vom Bonobo bis zur Debatte über KI-Systeme

Außerhalb der Menschheitsgeschichte fällt der Begriff vor allem bei Bonobos. Diese Menschenaffen sind mit Schimpansen eng verwandt, aber deutlich friedlicher, und sie zeigen ebenfalls kleinere Zähne und kindliche Gesichtszüge. Auch bei einigen Vogelarten wird Ähnliches diskutiert. In Schulbüchern und Dokumentationen läuft das Thema meist unter der Frage, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse sei.

In Technik- und KI-Texten taucht der Begriff seit einigen Jahren als Vergleich auf. Wenn Sprachmodelle nachträglich darauf trainiert werden, höflich und harmlos zu antworten, nennen manche Autoren das eine Domestizierung der Systeme. Der Vergleich hinkt allerdings. Bei KI-Modellen wählt ein Unternehmen bewusst aus, welches Verhalten belohnt wird. Das ist Zucht von außen, nicht Selbstauswahl innerhalb einer Gruppe.

Man sollte den Begriff deshalb mit Vorsicht lesen. Selbstdomestizierung ist eine Hypothese, keine bewiesene Tatsache, und sie ist in der Fachwelt umstritten. Kritiker weisen darauf hin, dass sich flachere Gesichter auch durch veränderte Ernährung erklären lassen. Wer den Begriff in einem Artikel findet, sollte prüfen, ob dort tatsächlich Evolution gemeint ist oder nur ein hübsches Bild.

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