
Social Scoring
Social Scoring bezeichnet Systeme, die das Verhalten von Menschen über längere Zeit erfassen und daraus eine Gesamtbewertung ihrer Person berechnen. In der Europäischen Union ist diese Art der Bewertung durch Behörden und Unternehmen seit 2024 weitgehend verboten.
Beim Social Scoring sammelt eine Behörde oder ein Unternehmen Daten über das Verhalten von Menschen. Daraus wird eine Punktzahl berechnet, die angeben soll, wie vertrauenswürdig oder zuverlässig jemand ist. In die Rechnung fließt oft alles Mögliche ein: Rechnungen, Verkehrsverstöße, Einträge in sozialen Netzwerken, manchmal sogar der Umgang mit bestimmten Personen. Wer eine niedrige Punktzahl hat, bekommt dann Nachteile, etwa bei einem Kredit, einem Job oder einer Reisebuchung. Entscheidend ist, dass die Punktzahl nicht nur für eine einzelne Sache gilt. Sie folgt der Person durch viele Lebensbereiche und bewertet sie als Ganzes.
Warum die EU es verboten hat
Social Scoring gilt in Europa als eine der wenigen Techniken, die man nicht regulieren, sondern untersagen wollte. Der Grund ist die Wirkung auf die Freiheit der Menschen. Wer weiß, dass jede Äußerung in eine dauerhafte Punktzahl einfließt, verhält sich anders. Man sagt weniger, man geht weniger Risiken ein, man meidet unbequeme Kontakte. Fachleute nennen diesen Effekt Selbstzensur.
Ein zweites Problem sind die Daten selbst. Punktesysteme übernehmen die Schieflagen, die in ihren Daten stecken. Wer in einem ärmeren Viertel wohnt, bekommt statistisch häufiger eine schlechte Bewertung, auch ohne persönliches Fehlverhalten. Die Punktzahl wirkt dann objektiv, verstärkt aber bestehende Ungleichheit. Und weil sie überall gilt, gibt es kaum ein Entkommen.
Der KI-Gesetzestext der EU, die sogenannte KI-Verordnung, verbietet solche Systeme deshalb ausdrücklich. Das Verbot gilt seit Februar 2025 und richtet sich an Behörden wie an private Firmen. Verstöße können mit Bußgeldern von bis zu 35 Millionen Euro oder sieben Prozent des weltweiten Jahresumsatzes geahndet werden. Damit steht Social Scoring auf derselben Stufe wie andere verbotene Praktiken, etwa das gezielte Ausnutzen von Schwächen schutzbedürftiger Personen.
Vom Datenpunkt zur Punktzahl
Technisch ist Social Scoring keine besonders neue Erfindung. Zuerst werden Daten aus verschiedenen Quellen zusammengeführt: Verwaltungsakten, Zahlungsdaten, Bewegungsdaten, Einträge im Netz. Dann sucht ein Programm in diesen Daten nach Mustern, die mit erwünschtem oder unerwünschtem Verhalten zusammenhängen. Am Ende steht eine einzige Zahl oder eine Stufe wie A bis D.
Der heikle Schritt ist die Zusammenführung. Einzelne Daten sind für sich harmlos, erst die Verknüpfung ergibt ein vollständiges Profil. Ein Programm, das Zahlungsmoral, Wohnort und Freundeskreis gleichzeitig kennt, weiß über eine Person mehr als jede einzelne Behörde. Genau darin unterscheidet sich Social Scoring von einer normalen Datenbank.
Wichtig ist die Abgrenzung zur Bonitätsprüfung, wie sie etwa die Schufa vornimmt. Auch dort entsteht eine Punktzahl, aber sie darf nur eine Frage beantworten: Wird dieser Kredit voraussichtlich zurückgezahlt? Verboten ist erst der Sprung darüber hinaus. Wenn die Zahlungsmoral plötzlich über einen Kitaplatz entscheidet, ist die Grenze überschritten. Fachleute sprechen dann von einer Bewertung außerhalb des ursprünglichen Zusammenhangs.
Von China bis zum Versicherungstarif
Das bekannteste Beispiel ist das chinesische Sozialkredit-System. In der öffentlichen Debatte wird es oft als landesweite Punktzahl für jeden Bürger dargestellt. Tatsächlich handelt es sich um viele regionale Projekte mit sehr unterschiedlichen Regeln, von denen einige wieder eingestellt wurden. Dokumentiert ist aber, dass Menschen mit Einträgen auf schwarzen Listen keine Flug- oder Zugtickets kaufen konnten.
In Europa taucht der Begriff meist in Nachrichten über Gesetze und Behörden auf. Diskutiert wird etwa, ob Versicherungstarife nach Fahrverhalten oder Fitness-Daten noch zulässig sind. Auch Bewertungssysteme für Fahrer bei Lieferdiensten stehen in der Kritik, weil eine schlechte Bewertung Aufträge kosten kann.
Ein verbreiteter Irrtum ist, dass jede Bewertung im Internet Social Scoring wäre. Sternebewertungen für Restaurants oder Verkäufer sind es nicht. Sie beziehen sich auf eine konkrete Leistung und haben außerhalb der Plattform keine Folgen. Zum Social Scoring wird es erst, wenn eine Bewertung über den gesellschaftlichen Zugang einer Person entscheidet.