Second-Source-Strategie
Die Second-Source-Strategie bedeutet, dass ein Unternehmen ein wichtiges Bauteil bei mindestens zwei Zulieferern gleichzeitig einkauft. So bleibt die Produktion möglich, wenn ein Lieferant ausfällt, und der Einkäufer hat bei Preisverhandlungen ein Druckmittel.
Wer ein Gerät baut, kauft die meisten Einzelteile bei anderen Firmen ein. Ein Handyhersteller stellt weder die Kamera noch den Speicherchip selbst her. Genau da entsteht ein Risiko: Wenn die eine Firma, die das Teil liefert, plötzlich nicht liefern kann, steht die ganze Produktion still. Die Second-Source-Strategie ist die Antwort darauf. Man sucht sich für jedes wichtige Bauteil einen zweiten Anbieter, der dasselbe oder ein sehr ähnliches Teil liefern kann. Der englische Begriff bedeutet wörtlich „zweite Quelle“.
Warum ein einziger Chiplieferant gefährlich ist
Ein einzelner Lieferant ist ein sogenannter Single Point of Failure, also eine Stelle, an der ein einziger Ausfall das ganze System lahmlegt. Fällt dort etwas aus, hilft kein Ersatz. Ausfälle passieren häufiger, als man denkt. Ein Erdbeben, ein Brand in einer Fabrik, ein Exportverbot oder schlicht eine überfüllte Auftragsliste reichen aus.
Während der Corona-Pandemie war das gut zu beobachten. Autohersteller konnten fertige Fahrzeuge nicht ausliefern, weil kleine Steuerchips fehlten. Manche dieser Chips kosten wenige Euro, blockierten aber Autos im Wert von 30.000 Euro. Wer einen zweiten Lieferanten hatte, kam deutlich besser durch diese Zeit.
Der zweite Grund ist wirtschaftlich. Ein Lieferant ohne Konkurrenz kann die Preise fast frei bestimmen. Sobald es eine echte Alternative gibt, ändert sich die Verhandlungsposition des Käufers. Schon die Möglichkeit, zu wechseln, drückt den Preis.
Was ein zweiter Lieferant liefern muss
Damit die Strategie funktioniert, muss das Ersatzteil wirklich austauschbar sein. Bei einfachen Bauteilen wie Schrauben oder Kondensatoren ist das leicht. Bei komplizierter Elektronik ist es aufwendig, denn Größe, Anschlüsse und Verhalten müssen genau passen. Deshalb legen Unternehmen oft schon beim Entwurf eines Produkts fest, dass zwei Varianten eines Bauteils verwendbar sein sollen.
Der zweite Lieferant bekommt meist nur einen kleineren Teil der Bestellungen, oft 20 bis 30 Prozent. Das reicht nicht, um bei einem Ausfall alles zu ersetzen. Es sorgt aber dafür, dass der Kontakt lebendig bleibt und die Teile geprüft sind. Ein Lieferant, den man erst im Notfall anruft, braucht Monate, bis er brauchbare Ware schickt.
Kostenlos ist das nicht. Zwei Lieferanten heißt: zwei Verträge, zwei Qualitätsprüfungen, kleinere Bestellmengen und damit schlechtere Preise pro Stück. Second Sourcing ist also eine Versicherung. Man zahlt laufend etwas mehr, um im Ernstfall nicht komplett auszufallen. Genau deshalb wenden Firmen sie nicht auf jedes Teil an, sondern nur auf die kritischen.
Second Sourcing im Streit um KI-Chips
In den Nachrichten taucht der Begriff derzeit vor allem bei Grafikchips für künstliche Intelligenz auf. Diese Spezialchips sind das teuerste Bauteil in Rechenzentren, in denen KI-Modelle trainiert werden. Der Markt wird von einem einzigen Hersteller dominiert, dessen Chips lange Lieferzeiten haben. Große Kunden wie Microsoft, Amazon oder Meta suchen deshalb aktiv nach Alternativen.
Sie tun das auf zwei Wegen. Sie kaufen zusätzlich bei kleineren Konkurrenten ein, und sie entwickeln eigene Chips für ihre Rechenzentren. Beides ist Second Sourcing im klassischen Sinn. Wenn du also liest, ein Konzern wolle „unabhängiger von Nvidia werden“, geht es genau um dieses Prinzip.
Der Begriff begegnet einem aber weit über die Chipbranche hinaus. Auch bei Batterien für Elektroautos, bei Medikamenten oder bei Cloud-Anbietern reden Unternehmen über zweite Quellen. Ein verwandter Begriff ist der Vendor Lock-in: die Abhängigkeit von einem Anbieter, aus der man nur mit hohen Kosten herauskommt. Second Sourcing ist im Grunde die geplante Vorbeugung gegen genau diese Falle.