Stilometrie

Stilometrie ist die messbare Untersuchung von Schreibstil: Sie zählt sprachliche Merkmale eines Textes, um herauszufinden, wer ihn geschrieben hat. Heute wird sie unter anderem eingesetzt, um anonyme Texte zuzuordnen oder maschinell erzeugte Texte von menschlichen zu unterscheiden.

Jeder Mensch schreibt anders, ohne es zu merken. Der eine benutzt viele Kommas, die andere kurze Sätze. Manche greifen ständig zu Wörtern wie „allerdings“ oder „eigentlich“, andere fast nie. Die Stilometrie macht genau solche Gewohnheiten zählbar. Sie zerlegt einen Text in messbare Merkmale und vergleicht die Zahlen mit denen anderer Texte. Ziel ist meist eine Frage: Stammt dieser Text von derselben Person wie jener andere?

Wenn kein Name unter dem Text steht

Anonyme und strittige Texte gibt es überall. In der Literaturwissenschaft streitet man seit Jahrhunderten darüber, ob Shakespeare alle Stücke selbst schrieb. Bei alten religiösen und historischen Schriften ist der Verfasser oft unbekannt. Die Stilometrie liefert hier ein Argument, das nicht auf Bauchgefühl beruht, sondern auf Häufigkeiten.

Auch außerhalb der Forschung ist die Methode gefragt. Ermittler nutzen sie bei Erpresserbriefen oder Drohmails. Ein berühmter Fall war der „Unabomber“ in den USA: Sein Bruder erkannte typische Formulierungen wieder, sprachwissenschaftliche Analysen stützten den Verdacht. Verlage setzen Stilometrie ein, wenn jemand unter Pseudonym veröffentlicht. So wurde 2013 aufgedeckt, dass ein gelobter Kriminalroman von J. K. Rowling stammte.

Seit es Sprachmodelle gibt, also Programme, die selbst flüssige Texte erzeugen, hat die Methode ein neues Einsatzfeld. Schulen und Universitäten wollen wissen, ob eine Arbeit selbst geschrieben wurde. Stilometrische Verfahren stecken in vielen dieser Prüfwerkzeuge. Sicher ist ihr Urteil allerdings nicht, dazu später mehr.

Was gezählt wird und warum gerade das

Überraschenderweise interessieren die auffälligen Wörter am wenigsten. Ob jemand „Photosynthese“ schreibt, hängt vom Thema ab, nicht vom Menschen. Aussagekräftig sind unscheinbare Funktionswörter: „und“, „aber“, „der“, „zu“. Sie kommen in jedem Text vor, und niemand wählt sie bewusst. Genau deshalb verraten ihre Häufigkeiten die Person hinter dem Text.

Dazu kommen weitere Kennzahlen. Die durchschnittliche Satzlänge, die Verteilung der Wortlängen, die Zeichensetzung, der Anteil seltener Wörter am Gesamttext. Ein klassisches Verfahren heißt Delta und stammt vom Forscher John Burrows. Es vergleicht die Häufigkeiten der etwa hundert gängigsten Wörter und berechnet daraus einen Abstand zwischen zwei Texten. Je kleiner der Abstand, desto ähnlicher der Stil.

Moderne Systeme überlassen die Auswahl der Merkmale oft dem Computer. Ein lernendes Modell bekommt viele Texte mit bekanntem Verfasser vorgelegt und sucht sich selbst die verräterischen Muster. Das ist treffsicherer, aber schwerer nachvollziehbar. Man sieht am Ende ein Ergebnis, nicht unbedingt den Grund dafür. Für Gerichte ist das ein Problem, denn dort muss ein Gutachten erklärbar sein.

Grenzen, Trugschlüsse und der Streit um KI-Detektoren

Stilometrie braucht Material. Bei einer Postkarte mit drei Sätzen versagt sie, bei einem Roman funktioniert sie gut. Als grobe Faustregel gelten einige tausend Wörter pro Text. Außerdem braucht man Vergleichstexte: Ohne Schriftproben der verdächtigen Person lässt sich nichts zuordnen. Die Methode kann also bestätigen oder ausschließen, aber niemanden aus dem Nichts benennen.

Ein zweiter Haken ist die Manipulierbarkeit. Wer weiß, dass sein Stil vermessen wird, kann ihn verstellen oder den Text durch ein Übersetzungsprogramm schicken. Auch Lektorat verwischt Spuren. Und ein Ergebnis ist immer eine Wahrscheinlichkeit, kein Beweis wie ein Fingerabdruck.

Besonders sichtbar wird das bei Werkzeugen, die KI-Texte erkennen sollen. Sie messen unter anderem, wie vorhersehbar die Wortwahl ist, denn Sprachmodelle wählen oft das naheliegendste Wort. Menschen mit sehr sachlichem oder eingeübtem Stil geraten dadurch zu Unrecht unter Verdacht. Besonders häufig trifft es Menschen, die in einer Fremdsprache schreiben. Mehrere Anbieter haben ihre Detektoren deshalb wieder eingestellt. Wer stilometrische Ergebnisse liest, sollte sie als Indiz behandeln, nie als Urteil.

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