Schema eines Zahlungswasserfalls: Ein Kreditpaket speist von oben nach unten die Senior-Tranche, darunter die Mezzanine-Tranche und ganz unten die Equity-Tranche; ein Gegenpfeil zeigt, dass Verluste in umgekehrter Reihenfolge von unten nach oben wirken.

Senior-Tranche

Die Senior-Tranche ist der Teil einer aufgeteilten Anleihe, der bei Zahlungen zuerst bedient wird und Verluste zuletzt trägt. Sie gilt deshalb als der sicherste Anteil eines solchen Wertpapiers, bringt dafür aber die niedrigste Rendite.

Banken bündeln manchmal tausende Kredite zu einem einzigen großen Paket. Die monatlichen Zahlungen der Kreditnehmer fließen in dieses Paket hinein. Anschließend wird das Paket in Stücke zerlegt und an Anleger verkauft. Diese Stücke heißen Tranchen, vom französischen Wort für Scheibe. Die Senior-Tranche ist dabei die Scheibe mit dem ersten Zugriff auf das Geld: Sie bekommt ihre Zahlungen, bevor irgendein anderer Anteil etwas erhält. Fällt Geld aus, weil Kreditnehmer nicht zahlen, trifft das zuerst die anderen Tranchen.

Warum Anleger für Sicherheit weniger Zinsen bekommen

Der Reiz der Senior-Tranche ist ihr Schutzpolster. Erst wenn ein großer Teil des gesamten Kreditpakets ausfällt, verliert sie überhaupt Geld. Deshalb bewerten Ratingagenturen solche Papiere oft mit der Bestnote AAA. Diese Note ist für viele Investoren entscheidend, denn Versicherungen und Pensionskassen dürfen häufig nur sehr sichere Anleihen kaufen. Ohne die Aufteilung in Tranchen wären riskante Kredite für diese Anleger komplett tabu.

Bezahlt wird die Sicherheit mit Rendite. Wer die Senior-Tranche hält, bekommt vielleicht zwei Prozent Zinsen im Jahr, während die riskanteste Scheibe des gleichen Pakets zweistellige Renditen verspricht. Das ist kein Zufall, sondern der ganze Sinn der Konstruktion. Aus einem Topf mittelmäßiger Kredite entstehen so Papiere für sehr vorsichtige und für sehr risikofreudige Anleger gleichzeitig.

Ein verbreiteter Irrtum ist, dass eine Senior-Tranche nie ausfallen kann. Sie ist nur relativ sicher, nicht absolut. In der Finanzkrise ab 2007 verloren auch AAA-bewertete Tranchen aus amerikanischen Hypothekenpaketen massiv an Wert. Die Modelle hatten unterstellt, dass Kredite unabhängig voneinander ausfallen. Als der ganze Immobilienmarkt gleichzeitig einbrach, half das Schutzpolster nicht mehr.

Der Wasserfall: Wer wann Geld sieht

Die Verteilung der Zahlungen nennt man in der Branche Wasserfall. Man kann sich mehrere Eimer vorstellen, die übereinander hängen. Das eingehende Geld läuft in den obersten Eimer, die Senior-Tranche. Erst wenn dieser voll ist, läuft der Rest in den nächsten Eimer, die sogenannte Mezzanine-Tranche. Ganz unten steht die Equity-Tranche, die nur bekommt, was übrig bleibt.

Bei Verlusten dreht sich die Reihenfolge um. Fällt ein Kredit aus, verringert sich die Summe im Wasserfall von unten. Die Equity-Tranche ist als Erstes leer, dann die Mezzanine-Tranche. Die Senior-Tranche merkt davon lange nichts. Genau dieser Abstand nach unten heißt Subordination und wird in Prozent angegeben.

Ein Zahlenbeispiel macht das greifbar. Ein Paket über 100 Millionen Euro besteht aus 80 Millionen Senior, 15 Millionen Mezzanine und 5 Millionen Equity. Fallen 6 Millionen Euro an Krediten aus, ist die Equity-Tranche komplett weg und die Mezzanine-Tranche verliert eine Million. Die Senior-Tranche bleibt unberührt. Erst ab 20 Millionen Euro Ausfall beginnt sie überhaupt Verluste zu tragen.

Von Hypothekenpaketen bis zu Unternehmenskrediten

Am bekanntesten wurde das Prinzip durch verbriefte Immobilienkredite in den USA. Heute begegnet man Senior-Tranchen vor allem bei sogenannten CLOs, das sind Pakete aus Krediten an mittelgroße Unternehmen. Auch Autokredite, Kreditkartenschulden und Leasingverträge werden auf diese Weise gebündelt. In Wirtschaftsnachrichten taucht der Begriff meist auf, wenn über den Markt für verbriefte Kredite berichtet wird.

Der Begriff wird außerdem außerhalb von Verbriefungen benutzt. Wenn ein Unternehmen mehrere Darlehen aufnimmt, spricht man von Senior Debt für die vorrangigen Kredite. Bei einer Insolvenz werden deren Gläubiger vor allen anderen bedient. Das Grundmuster ist immer dasselbe: eine festgelegte Rangfolge, wer zuerst an das Geld kommt.

Für Privatanleger sind einzelne Tranchen kaum direkt zugänglich, die Mindestbeträge liegen meist im sechsstelligen Bereich. Indirekt ist man aber oft beteiligt. Fonds, Lebensversicherungen und Pensionskassen halten solche Papiere in großem Umfang. Wer wissen will, wie stabil das eigene Altersvorsorgeprodukt ist, sollte den Begriff daher zumindest einordnen können.

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