Crowdsourcing

Crowdsourcing

Crowdsourcing bedeutet, eine Aufgabe nicht an einzelne Angestellte zu vergeben, sondern öffentlich an eine große Gruppe von Freiwilligen oder bezahlten Gelegenheitsarbeitern. Viele kleine Beiträge ergeben zusammen ein Ergebnis, das eine einzelne Firma allein kaum stemmen könnte.

Crowdsourcing setzt sich aus zwei englischen Wörtern zusammen: „crowd“ heißt Menge, „sourcing“ heißt beschaffen. Gemeint ist also: Arbeit wird bei einer großen Menge von Menschen beschafft. Statt zehn Angestellte damit zu beauftragen, ruft man im Internet tausende Fremde auf, jeweils ein winziges Stück beizutragen. Wikipedia ist das bekannteste Beispiel dafür. Kein Verlag hat diese Enzyklopädie geschrieben, sondern Millionen von Freiwilligen, die jeweils ein paar Sätze ergänzt oder korrigiert haben. Manchmal ist die Beteiligung freiwillig und unbezahlt, manchmal wird sie in Cent-Beträgen pro Aufgabe vergütet.

Warum die Menge oft schlauer ist als der Einzelne

Manche Aufgaben lassen sich nicht durch mehr Fachwissen lösen, sondern nur durch mehr Menschen. Ein einzelner Experte kann nicht jede Straße Deutschlands ablaufen und in eine Karte eintragen. Zehntausende Freiwillige können das. Genau so ist OpenStreetMap entstanden, eine frei nutzbare Weltkarte.

Dazu kommt ein statistischer Effekt. Wenn viele Menschen unabhängig voneinander schätzen oder urteilen, gleichen sich ihre Fehler teilweise aus. Der Durchschnitt vieler mittelmäßiger Antworten ist oft besser als die Antwort eines Einzelnen. Fachleute nennen das die Weisheit der Vielen. Sie funktioniert allerdings nur, wenn die Teilnehmer sich nicht gegenseitig beeinflussen.

Für die KI-Branche ist Crowdsourcing sogar eine Grundvoraussetzung. Moderne Modelle lernen aus riesigen Mengen beschrifteter Beispiele. Diese Beschriftungen müssen Menschen anlegen. Ohne verteilte Kleinstarbeit von zehntausenden Personen gäbe es viele heutige KI-Systeme schlicht nicht.

Von der großen Aufgabe zu tausend Mikrojobs

Der entscheidende Schritt ist das Zerlegen. Eine große Aufgabe wird in sehr kleine, gleichartige Einheiten geschnitten, die jeder ohne Einarbeitung erledigen kann. Statt „beschrifte 100.000 Bilder“ heißt der Auftrag dann: „Ist auf diesem Bild ein Fußgänger? Ja oder nein.“ Solche Mikroaufgaben dauern Sekunden und brauchen keine Schulung.

Vermittelt wird das über Plattformen. Amazon Mechanical Turk oder Appen sind Marktplätze, auf denen Auftraggeber ihre Mikroaufgaben einstellen und Bearbeiter sie gegen Bezahlung abarbeiten. Üblich sind wenige Cent pro Aufgabe. Der Name Mechanical Turk spielt auf einen angeblichen Schachautomaten des 18. Jahrhunderts an, in dem in Wahrheit ein Mensch saß.

Weil man Fremden nicht blind vertrauen kann, braucht es Qualitätssicherung. Meist bekommen mehrere Personen dieselbe Aufgabe, und nur das Mehrheitsergebnis zählt. Zusätzlich streut man Testfragen mit bekannter Antwort ein, um unaufmerksame Bearbeiter zu erkennen. Ein verbreiteter Irrtum ist, Crowdsourcing sei automatisch billig und schnell. Die Organisation, die Kontrolle und das Aussortieren schlechter Beiträge kosten erheblichen Aufwand.

Zwischen Wikipedia, Kartendiensten und Klick-Arbeit

Im Alltag nutzt man Crowdsourcing oft, ohne es zu merken. Die Stauanzeige in Google Maps entsteht aus den Bewegungsdaten vieler Handys. Bewertungen bei Amazon oder Google Rezensionen sind gesammelte Urteile von Fremden. Und wer ein Bilderrätsel löst, um sich als Mensch auszuweisen, hilft nebenbei beim Beschriften von Trainingsdaten.

In den Wirtschaftsnachrichten taucht der Begriff meist in zwei Zusammenhängen auf. Zum einen bei Crowdfunding, also der Finanzierung eines Projekts durch viele kleine Beiträge über Plattformen wie Kickstarter. Das ist eine Sonderform, bei der nicht Arbeit, sondern Geld eingesammelt wird. Zum anderen bei Debatten über die Arbeitsbedingungen der sogenannten Klick-Arbeiter.

Diese Kritik ist ernst zu nehmen. Ein großer Teil der Datenbeschriftung für KI-Firmen findet in Ländern mit niedrigen Löhnen statt, teils für wenige Dollar am Tag. Die Bearbeiter sind selten fest angestellt und haben kaum Absicherung. Wer über die Kosten von KI-Systemen liest, sollte diesen unsichtbaren menschlichen Anteil mitdenken.

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