Kreisdiagramm mit drei Unternehmen: Ein Chiphersteller investiert Kapital in ein KI-Start-up, das Start-up bezahlt damit Rechenleistung bei einem Cloud-Anbieter, und der Cloud-Anbieter kauft davon Hardware beim Chiphersteller. Pfeile zeigen den geschlossenen Geldkreislauf.

Circular Financing

Circular Financing bezeichnet Geschäfte, bei denen ein Unternehmen einem Kunden das Geld gibt, mit dem dieser dann seine eigenen Produkte kauft. Das Geld läuft im Kreis, der Umsatz sieht in der Bilanz aber wie echtes Wachstum von außen aus.

Stell dir vor, ein Autohändler leiht seinem Kunden 30.000 Euro, damit dieser bei ihm ein Auto für 30.000 Euro kauft. Am Ende steht in den Büchern des Händlers ein Verkauf. Tatsächlich hat er aber nur sein eigenes Geld im Kreis geschickt. Genau dieses Muster meint der englische Begriff Circular Financing, auf Deutsch etwa zirkuläre Finanzierung. Ein Unternehmen investiert Geld in einen Kunden oder Partner, und dieser gibt es kurz darauf für Produkte desselben Unternehmens wieder aus. Verboten ist das nicht automatisch. Problematisch wird es, wenn dadurch Wachstum vorgetäuscht wird, das ohne diese Kreisläufe gar nicht existieren würde.

Warum Anleger bei Kreisgeschäften nervös werden

Umsatz gilt an der Börse als harte Zahl. Er zeigt, dass echte Kunden bereit sind, echtes Geld für ein Produkt zu zahlen. Bei Circular Financing stimmt diese Annahme nicht mehr. Der Umsatz ist zwar buchhalterisch korrekt, aber die Nachfrage dahinter hat das Unternehmen selbst finanziert. Anleger zahlen dann für Wachstum, das sich nicht aus eigener Kraft trägt.

Das Risiko liegt in der Kettenreaktion. Solange frisches Kapital in den Kreislauf fließt, funktioniert alles. Versiegt die Finanzierung, brechen die Umsätze schlagartig weg. Zusätzlich hat das Unternehmen doppelt verloren: Es sitzt auf einer wertlosen Beteiligung und verliert gleichzeitig den Kunden. Genau diese Doppelwirkung machte den Zusammenbruch vieler Telekomfirmen um das Jahr 2000 so heftig.

Der Begriff ist deshalb ab 2024 wieder häufig in Finanznachrichten aufgetaucht. Anlass sind die milliardenschweren Verflechtungen zwischen Chipherstellern, Rechenzentrumsbetreibern und KI-Firmen. Kritiker sehen darin ein Warnsignal für eine Blase. Verteidiger halten dagegen, dass junge Branchen schon immer von ihren größten Zulieferern mitfinanziert wurden.

Wie das Geld seine Runde dreht

Der einfachste Fall ist eine direkte Beteiligung. Ein Chiphersteller investiert eine Milliarde in ein KI-Start-up. Das Start-up nutzt das Geld, um Chips genau dieses Herstellers zu kaufen. In der Bilanz des Herstellers erscheint die Investition als Vermögenswert und der Chipverkauf als Umsatz. Beide Zahlen sehen für sich genommen gesund aus.

Häufiger sind längere Ketten mit drei oder mehr Beteiligten. Firma A investiert in Firma B, Firma B mietet Rechenleistung bei Firma C, und Firma C kauft dafür Hardware bei Firma A. Der Kreis schließt sich erst über mehrere Stationen. Das macht ihn aus einzelnen Geschäftsberichten schwer erkennbar. Man muss die Verträge mehrerer Unternehmen nebeneinanderlegen, um das Muster zu sehen.

Ein verwandter Begriff ist Vendor Financing, also Lieferantenkredit. Dabei streckt der Verkäufer dem Kunden nur den Kaufpreis vor, ohne sich an ihm zu beteiligen. Das ist ein normales und weit verbreitetes Geschäftsmodell. Von Circular Financing spricht man erst, wenn das Geld wieder beim Ausgangspunkt landet und dort als neuer Umsatz gezählt wird.

Woran man solche Konstruktionen erkennt

Am direktesten begegnet dir der Begriff in Berichten über den KI-Boom. Wenn ein Konzern gleichzeitig größter Investor und größter Lieferant desselben Start-ups ist, fällt das Stichwort fast immer. Beispiele wie die Verbindungen zwischen Nvidia, OpenAI und Oracle wurden in der Wirtschaftspresse ausführlich unter diesem Begriff diskutiert.

Ein praktisches Warnsignal ist die Kundenkonzentration. Börsennotierte Unternehmen müssen offenlegen, wenn ein einzelner Kunde einen großen Teil des Umsatzes ausmacht. Steht dieser Kunde zugleich auf der Beteiligungsliste, lohnt genaueres Hinsehen. Ein zweites Signal ist eine große Lücke zwischen ausgewiesenem Gewinn und tatsächlichem Geldzufluss.

Ein häufiger Irrtum ist, Circular Financing für Betrug zu halten. In den meisten Fällen ist es das nicht. Ein Zulieferer, der eine junge Branche mit aufbaut, handelt oft wirtschaftlich vernünftig. Der Unterschied liegt in der Transparenz und darin, ob am Ende zahlende Endkunden stehen. Fehlen diese, bleibt am Ende nur ein Kreislauf ohne Boden.

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