
Investment Grade
Investment Grade bezeichnet die oberen Stufen einer Bonitätsnote, die Ratingagenturen an Staaten und Unternehmen vergeben. Wer diese Note trägt, gilt als vergleichsweise sicherer Schuldner und zahlt für geliehenes Geld niedrigere Zinsen.
Wenn ein Staat oder ein Unternehmen sich Geld leiht, wollen die Geldgeber wissen, wie wahrscheinlich sie es zurückbekommen. Dafür gibt es spezialisierte Firmen, sogenannte Ratingagenturen. Die drei bekanntesten heißen Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch. Sie prüfen die Zahlen des Schuldners und vergeben eine Note, die von AAA bis D reicht. Die obere Hälfte dieser Notenskala nennt man Investment Grade: Hier hält die Agentur eine pünktliche Rückzahlung für ziemlich wahrscheinlich. Alles darunter heißt Non-Investment-Grade oder umgangssprachlich Ramschanleihe.
Die Grenze zwischen BBB- und BB+
Die Trennlinie verläuft bei Standard & Poor’s zwischen BBB- und BB+. Das sieht nach einem winzigen Unterschied aus, hat aber enorme Folgen. Viele große Geldanleger dürfen nach ihren eigenen Regeln nur Anleihen mit Investment Grade kaufen. Dazu gehören Pensionskassen, Versicherungen und viele Fonds, die Geld für Millionen Sparer verwalten.
Rutscht ein Unternehmen unter diese Grenze, müssen diese Anleger seine Anleihen oft verkaufen — auch wenn sie das gar nicht wollen. Dadurch fällt der Kurs weiter, und neue Kredite werden für das Unternehmen teurer. In der Finanzwelt gibt es für so einen Absturz einen eigenen Begriff: gefallener Engel, englisch fallen angel. Der Autobauer Ford war 2020 ein prominentes Beispiel.
Umgekehrt ist der Aufstieg in den Investment Grade für einen Schuldner ein großer Gewinn. Der Kreis möglicher Käufer wird schlagartig größer. Und niedrigere Zinsen können bei Milliardenschulden hunderte Millionen Euro pro Jahr ausmachen.
Woraus eine Ratingnote entsteht
Eine Ratingagentur schaut sich zuerst die harten Zahlen an. Wie hoch sind die Schulden im Verhältnis zum Gewinn? Wie viel Bargeld ist verfügbar? Wie stabil waren die Einnahmen in den letzten Jahren? Aus diesen Kennzahlen entsteht eine erste Einschätzung.
Dazu kommen weichere Faktoren. Analysten bewerten die Branche, die Konkurrenzsituation und die Qualität des Managements. Bei Staaten spielen die politische Stabilität und die Steuereinnahmen eine große Rolle. Ein Komitee entscheidet am Ende über die Note, nicht eine einzelne Person und keine Formel allein.
Ein häufiger Irrtum: Ein Rating ist keine Prognose über den Kurs einer Anleihe und keine Kaufempfehlung. Es sagt nur etwas über das Ausfallrisiko aus. Und es kann falsch liegen. Vor der Finanzkrise 2008 trugen viele Wertpapiere Bestnoten, die kurz darauf fast wertlos waren. Diese Fehleinschätzung hat den Ruf der Agenturen dauerhaft beschädigt.
Wo die Note in Nachrichten und Depots auftaucht
In Wirtschaftsnachrichten liest man regelmäßig, dass eine Agentur ein Land herauf- oder herabgestuft hat. Deutschland hat seit Jahrzehnten die Bestnote AAA. Griechenland verlor sein Investment Grade in der Eurokrise und bekam es erst 2023 zurück. Solche Meldungen bewegen die Zinsen, die ein Staat für neue Schulden zahlen muss.
Auch Technologieunternehmen sind betroffen. Wer Rechenzentren für künstliche Intelligenz baut, braucht dafür oft Milliarden an Fremdkapital. Konzerne wie Microsoft oder Alphabet haben Spitzenratings und leihen sich Geld sehr günstig. Kleinere Anbieter ohne Investment Grade zahlen deutlich mehr Zinsen — ein handfester Wettbewerbsnachteil.
Privatanleger begegnen dem Begriff vor allem bei Fonds und ETFs. Namen wie « Euro Corporate Bond Investment Grade » bedeuten: Der Fonds kauft nur Anleihen aus dem oberen Notenbereich. Solche Produkte gelten als schwankungsärmer, bringen aber weniger Rendite als Fonds mit Hochzinsanleihen. Das ist der übliche Tausch an den Finanzmärkten: weniger Risiko gegen weniger Ertrag.