Dorschfischerei-Kollaps

Dorschfischerei-Kollaps

Als Dorschfischerei-Kollaps bezeichnet man den plötzlichen Zusammenbruch großer Dorsch- beziehungsweise Kabeljaubestände durch jahrzehntelange Überfischung. Das bekannteste Beispiel ist Neufundland 1992, wo über Nacht rund 30.000 Menschen ihre Arbeit verloren.

Dorsch und Kabeljau sind zwei Namen für denselben Fisch. In der Ostsee sagt man Dorsch, im Atlantik meist Kabeljau. Jahrhundertelang war dieser Fisch eine der wichtigsten Nahrungsquellen Nordeuropas und Nordamerikas. Ein Kollaps bedeutet, dass ein Fischbestand nicht langsam schrumpft, sondern innerhalb weniger Jahre fast völlig verschwindet. Genau das passierte 1992 vor der kanadischen Insel Neufundland: Die Fangmenge war auf etwa ein Prozent des früheren Werts gefallen. Die Regierung verbot die Fischerei komplett, und ein ganzer Wirtschaftszweig endete an einem einzigen Tag.

Warum ein Fischbestand nicht einfach nachwächst

Viele Menschen stellen sich Fischbestände wie ein Sparkonto vor. Man nimmt jedes Jahr die Zinsen und der Grundbetrag bleibt erhalten. Solange man nur so viel fängt, wie nachwächst, funktioniert das auch. Das Problem beginnt, wenn man Jahr für Jahr etwas mehr entnimmt, als nachkommt.

Der Bestand schrumpft dann zunächst kaum sichtbar. Moderne Schiffe mit Sonar und riesigen Schleppnetzen finden die verbliebenen Fischschwärme trotzdem zuverlässig. Die Fangzahlen bleiben deshalb lange hoch und täuschen Gesundheit vor. Erst wenn die letzten Schwärme leergefischt sind, bricht alles auf einmal ein.

Danach erholt sich der Bestand oft nicht mehr von selbst. In Neufundland gilt seit über dreißig Jahren ein weitgehendes Fangverbot, und der Kabeljau ist noch immer nicht zurück. Andere Arten wie Krabben und Garnelen haben seinen Platz im Ökosystem eingenommen. Ein Ökosystem ist das Zusammenspiel aller Lebewesen in einem Lebensraum, und es kann in einen neuen Zustand kippen, der stabil bleibt.

Wie aus vielen kleinen Entscheidungen ein Zusammenbruch wird

Drei Faktoren wirken zusammen. Der erste ist Technik: Fabrikschiffe können seit den 1950er Jahren Fische fangen, verarbeiten und einfrieren, ohne den Hafen anzulaufen. Der zweite ist die Größe der Netze, die auch Jungfische mitnehmen, bevor diese sich fortpflanzen konnten. Der dritte ist Politik, denn Fangquoten wurden regelmäßig höher angesetzt, als Wissenschaftler empfohlen hatten.

Hinzu kommt ein statistisches Problem. Man kann Fische im Meer nicht zählen. Ihre Zahl wird aus den Fangmengen geschätzt, und diese Schätzung war in Kanada systematisch zu optimistisch. Als der Fehler auffiel, war der Bestand bereits weitgehend weg.

Ein weiterer Verstärker ist der Klimawandel. Wärmeres Wasser enthält weniger Sauerstoff und verschiebt die Gebiete, in denen Dorsch laichen kann. In der östlichen Ostsee sind die Tiere heute deutlich kleiner und magerer als früher. Überfischung und Umweltveränderung addieren sich also, statt sich auszugleichen.

Der Dorsch in Nachrichten, Politik und im Supermarkt

In der Ostsee wiederholt sich die Geschichte gerade in kleinerem Maßstab. Seit 2019 gilt für den östlichen Dorschbestand ein faktisches Fangverbot, seit 2022 auch für den westlichen. Für viele kleine Küstenbetriebe in Mecklenburg-Vorpommern und Dänemark bedeutet das das Ende ihres Geschäfts. Jedes Jahr im Herbst berichten Medien über die Quotenverhandlungen der EU-Fischereiminister.

Im Supermarkt begegnet dir der Fall indirekt. Kabeljau aus der Barentssee gilt als vergleichsweise gut bewirtschaftet, Siegel wie MSC sollen das kennzeichnen. Fischstäbchen bestehen heute oft aus Alaska-Seelachs statt aus Kabeljau, weil dieser knapper und teurer geworden ist.

Über die Fischerei hinaus dient der Fall als Standardbeispiel in Wirtschaft und Politik. Er zeigt, wie eine gemeinsam genutzte Ressource ruiniert wird, wenn jeder Einzelne rational handelt und trotzdem alle verlieren. Wirtschaftswissenschaftler nennen dieses Muster Tragik der Allmende. Dieselbe Denkfigur taucht heute in Debatten über Wasserverbrauch, Fischbestände im Pazifik oder Emissionen auf.

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