
Picks-and-Shovels
Picks-and-Shovels bezeichnet eine Anlagestrategie, bei der man nicht in die Gewinner eines Booms investiert, sondern in die Firmen, die allen Beteiligten das Werkzeug liefern. Der Name stammt vom kalifornischen Goldrausch: Reich wurden dort vor allem die Händler von Spitzhacken und Schaufeln.
Beim Goldrausch in Kalifornien um 1850 zogen zehntausende Menschen los, um Gold zu finden. Die meisten von ihnen fanden nichts und gingen pleite. Verlässlich verdient haben dagegen die Läden, die Schaufeln, Spitzhacken, Hosen und Verpflegung verkauften. Diese Händler mussten nicht wissen, wer Gold findet — sie verdienten an jedem, der es versuchte. Genau dieses Muster meint der Begriff Picks-and-Shovels, zu Deutsch etwa Spitzhacken und Schaufeln. Er beschreibt die Entscheidung, sein Geld nicht in die Suchenden zu stecken, sondern in die Ausrüster.
Warum Anleger lieber auf die Ausrüster setzen
In jedem großen Technologieboom ist eines ziemlich sicher und eines sehr unsicher. Sicher ist, dass viel Geld ausgegeben wird. Unsicher ist, welche einzelne Firma am Ende gewinnt. Wer 1999 auf Internetfirmen setzte, hatte gute Chancen, eine der vielen zu erwischen, die kurz darauf verschwanden. Wer auf Netzwerktechnik und Server setzte, verdiente zumindest so lange, wie überhaupt gebaut wurde.
Die Strategie verlagert das Risiko also von der Frage „wer gewinnt?“ auf die Frage „wird überhaupt investiert?“. Das ist eine deutlich leichtere Frage. Ein Ausrüster hat außerdem oft viele Kunden gleichzeitig. Fällt einer aus, bleiben die anderen. Ein einzelner Goldsucher hat diese Absicherung nicht.
Der Ansatz hat aber einen klaren Haken, den man kennen sollte. Wenn der Boom endet, bricht auch die Nachfrage nach Werkzeug ein — und zwar oft schlagartig. Ausrüster verkaufen selten an Endkunden, sondern an andere Firmen. Deren Investitionsbudgets lassen sich innerhalb weniger Monate zusammenstreichen. Picks-and-Shovels ist damit sicherer als eine Wette auf einen einzelnen Gewinner, aber keineswegs risikofrei.
Wer im KI-Boom die Schaufeln verkauft
Um die Strategie anzuwenden, zerlegt man einen Markt in Schichten. Ganz oben stehen die sichtbaren Anwendungen, also etwa Chatbots oder Bildgeneratoren. Darunter liegen die Firmen, die die eigentlichen KI-Modelle bauen. Und darunter liegt alles, was diese Modelle zum Laufen brauchen. Picks-and-Shovels heißt: man kauft in den unteren Schichten.
Bei künstlicher Intelligenz ist die unterste Schicht ungewöhnlich gut sichtbar. Ein KI-Modell braucht spezielle Rechenchips, sogenannte GPUs, die sehr viele Rechnungen gleichzeitig ausführen. Es braucht Rechenzentren, also große Hallen voller solcher Chips. Es braucht Strom, Kühlung und schnelle Netzwerkkabel. Jede dieser Zutaten wird von Firmen geliefert, die nichts davon verstehen müssen, welcher Chatbot am Ende beliebt ist.
Die Kette reicht dabei weiter, als man zunächst denkt. Hinter dem Chiphersteller steht die Fabrik, die den Chip physisch fertigt. Hinter der Fabrik stehen die Hersteller der Maschinen, mit denen dort gearbeitet wird. Jede Stufe ist eine mögliche Picks-and-Shovels-Position. Je tiefer man geht, desto weniger Konkurrenz gibt es oft — manche dieser Maschinen baut weltweit nur eine einzige Firma.
Der Begriff in Börsenberichten und Analysen
In Wirtschaftsnachrichten taucht die Formulierung meist dann auf, wenn ein Analyst eine Aktie empfiehlt, die nicht das Offensichtliche ist. Sätze wie „ein klassisches Picks-and-Shovels-Investment im KI-Bereich“ bedeuten dann: diese Firma profitiert vom Trend, ohne selbst im Rampenlicht zu stehen. Auch Fonds werben mit dem Begriff, um ihre Auswahl zu begründen.
Man begegnet dem Muster außerdem weit außerhalb der KI. Bei Elektroautos sind die Ausrüster die Batteriehersteller und die Lithiumminen. Bei Kryptowährungen waren es die Chiphersteller und die Handelsplattformen, die an jedem Kauf verdienten. Selbst bei Streamingdiensten kann man argumentieren, dass die Anbieter von Serverkapazität stabiler verdienen als die Streamingfirmen selbst.
Ein verbreiteter Irrtum ist, Picks-and-Shovels sei automatisch die vorsichtige Wahl. Das stimmt nur teilweise. Beliebte Ausrüsteraktien sind in einem Boom oft schon sehr teuer bewertet, weil alle dieselbe Idee haben. Der Kurs enthält dann bereits die Erwartung jahrelang steigender Nachfrage. Bleibt sie aus, fällt der Kurs genauso hart wie bei jeder anderen Wette.