Ablaufschema des Virtual Try-on: links das Foto einer Person, aus dem Körperpunkte wie Schultern und Hüfte erkannt werden, in der Mitte das separate Produktfoto eines Kleidungsstücks, beide führen zu einem Bildgenerator, rechts das fertige Ergebnisbild mit der Person im Kleidungsstück.

Virtual Try-on

Virtual Try-on bezeichnet Software, die Kleidung, Brillen oder Schminke auf einem Foto oder Live-Bild einer Person so darstellt, als würde sie diese tragen. Die Technik soll den Gang in die Umkleidekabine ersetzen und wird vor allem im Online-Handel eingesetzt.

Virtual Try-on heißt übersetzt „virtuelles Anprobieren“. Gemeint ist Software, die ein Kleidungsstück, eine Brille oder einen Lippenstift auf ein Bild von dir legt. Das Ergebnis sieht aus wie ein Foto, auf dem du das Produkt wirklich trägst. Manche Anbieter arbeiten mit einem hochgeladenen Foto, andere mit dem Live-Bild der Handykamera. Der Zweck ist immer derselbe: Du sollst vor dem Kauf sehen, wie etwas an dir wirkt, ohne es zu bestellen. Der Begriff taucht vor allem in Online-Shops und in Nachrichten über große Handelskonzerne auf.

Was Händler an der Umkleidekabine im Browser verdient

Im Modehandel im Internet wird ein großer Teil der bestellten Ware zurückgeschickt. Bei Kleidung liegen die Quoten je nach Anbieter und Land oft bei 30 bis 50 Prozent. Jede Rücksendung kostet Porto, Personal für die Prüfung und manchmal die ganze Ware, wenn sie nicht mehr verkäuflich ist. Wer diese Quote auch nur um wenige Prozentpunkte senkt, spart erhebliche Summen.

Der zweite Grund ist der Verkauf selbst. Viele Menschen brechen einen Kauf ab, weil sie unsicher sind, ob ihnen etwas steht. Eine Vorschau am eigenen Körper nimmt einen Teil dieser Unsicherheit. Besonders bei Brillen und Kosmetik funktioniert das gut, weil dort die Passform kaum eine Rolle spielt und nur die Optik zählt.

Es gibt aber auch Kritik. Die Bilder wirken oft geschmeichelt, weil die Software Falten glättet und Stoffe ideal fallen lässt. Was am Bildschirm perfekt sitzt, kann in echt kneifen. Verbraucherschützer weisen außerdem darauf hin, dass für die Anprobe Körperfotos entstehen, also besonders sensible Daten.

Wie das Kleidungsstück auf den Körper kommt

Der erste Schritt ist immer die Analyse deines Bildes. Ein Programm sucht darauf markante Punkte: Schultern, Ellenbogen, Hüfte, bei Brillen die Augen und der Nasenrücken. Aus diesen Punkten entsteht eine grobe Beschreibung deiner Haltung und Größenverhältnisse. Man kann sich das wie ein Strichmännchen vorstellen, das über dein Foto gelegt wird.

Danach kommt das Produkt ins Spiel. Ältere Systeme verzerren einfach ein Produktfoto so, dass es zum Strichmännchen passt. Moderne Systeme nutzen dagegen Bildgeneratoren, also KI-Modelle, die Bilder Pixel für Pixel neu erzeugen. Sie bekommen zwei Vorlagen: dein Foto und das Foto des Kleidungsstücks. Daraus malen sie ein neues Bild, in dem beides zusammengeführt ist.

Der schwierige Teil sind die Details. Der Stoff muss dort Falten werfen, wo sich der Körper beugt, und Arme müssen vor dem Pullover liegen, nicht dahinter. Auch das Muster darf nicht verrutschen, ein Streifenhemd bleibt gestreift. Genau hier scheitern schwache Systeme, und man erkennt es an verschmierten Händen oder verbogenen Schriftzügen auf T-Shirts.

Von der Shop-App bis zum Filter im Sozialen Netzwerk

Am häufigsten begegnet dir die Technik in Online-Shops und deren Apps. Bei Brillenhändlern ist sie seit Jahren Standard, ebenso bei Kosmetikmarken, wo man Lippenstiftfarben direkt im Kamerabild testet. Große Plattformen wie Amazon, Google oder Zalando haben eigene Funktionen für Schuhe und Kleidung aufgebaut. Auch Möbel-Apps arbeiten nach demselben Prinzip, dort steht der Schrank dann im Wohnzimmer statt am Körper.

Ein Nachbar ist die erweiterte Realität, kurz AR: Damit sind Kamerabilder gemeint, in die der Computer zusätzliche Objekte einblendet. Die Gesichtsfilter in sozialen Netzwerken nutzen dieselbe Grundtechnik wie eine virtuelle Brillenanprobe. Der Unterschied liegt nur im Zweck, hier Unterhaltung, dort Verkauf.

In Wirtschaftsnachrichten taucht Virtual Try-on meist im Zusammenhang mit Retourenquoten auf oder wenn ein Konzern ein Startup dafür übernimmt. Ein verbreiteter Irrtum ist, dass die Software die richtige Größe bestimmt. Das ist eine andere Aufgabe, die Größenempfehlung, und sie beruht auf Maßen und Kaufhistorie, nicht auf einem erzeugten Bild.

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