Schema zweier Keiretsu-Typen: links ein horizontales Netzwerk mit einer Bank in der Mitte und ringsum Firmen verschiedener Branchen, die durch wechselseitige Beteiligungspfeile verbunden sind; rechts ein vertikales Keiretsu mit einem Autohersteller im Zentrum und konzentrischen Ringen aus Zulieferern der ersten und zweiten Ebene.

Keiretsu

Ein Keiretsu ist ein japanischer Firmenverbund, in dem sich mehrere eigenständige Unternehmen über Kapitalbeteiligungen, gemeinsame Banken und langfristige Lieferbeziehungen aneinander binden. Diese Netzwerke prägen die japanische Wirtschaft bis heute, etwa bei Toyota, Mitsubishi oder Sumitomo.

Keiretsu ist ein japanisches Wort und bedeutet ungefähr „Reihe“ oder „Verkettung“. Gemeint ist eine Gruppe von Firmen, die rechtlich unabhängig bleiben, aber eng zusammenarbeiten. Sie halten gegenseitig kleine Anteile aneinander, kaufen bevorzugt voneinander und teilen sich oft dieselbe Hausbank. Anders als bei einem Konzern gibt es keine Mutterfirma, die allen anderen Anweisungen gibt. Die Bindung entsteht durch Verträge, Vertrauen und über Jahrzehnte gewachsene Beziehungen. Man kann sich das wie einen Freundeskreis vorstellen, in dem jeder sein eigenes Leben führt, man sich aber immer zuerst gegenseitig hilft.

Warum Japan anders Wirtschaft treibt

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Japans große Familienkonzerne, die Zaibatsu, von den Besatzungsmächten zerschlagen. Aus ihren Bruchstücken wuchsen in den 1950er Jahren die Keiretsu zusammen. Sie waren ein wichtiger Grund für das japanische Wirtschaftswunder. Firmen konnten langfristig planen, weil ihnen weder Kunden noch Kredite kurzfristig wegbrachen.

Ein zweiter Effekt betrifft die Börse. Wenn befreundete Firmen dauerhaft Aktien voneinander halten, sind diese Anteile praktisch aus dem Markt genommen. Feindliche Übernahmen werden dadurch fast unmöglich. Das schützt vor Druck von außen, macht Unternehmen aber auch träge. Kritiker sagen, Japans Firmen hätten deshalb Jahrzehnte lang zu wenig auf Rendite geachtet.

Genau darum ist das Thema heute wieder aktuell. Japans Börsenaufsicht und die Regierung drängen seit einigen Jahren darauf, diese wechselseitigen Beteiligungen abzubauen. Viele Konzerne verkaufen inzwischen ihre alten Partneranteile. Ausländische Investoren sehen darin einen Hauptgrund für die starke Entwicklung der Tokioter Börse.

Kapital, Banken und Lieferketten als Klammer

Man unterscheidet zwei Grundformen. Ein horizontales Keiretsu versammelt Firmen aus ganz verschiedenen Branchen rund um eine große Bank. Mitsubishi ist das bekannteste Beispiel: Dort finden sich eine Bank, ein Autobauer, ein Maschinenbauer, eine Handelsfirma und eine Brauerei im selben Netzwerk. Die Führungskräfte treffen sich regelmäßig zu Runden, die keine formale Macht haben, aber viel Einfluss.

Ein vertikales Keiretsu ist anders aufgebaut. Hier steht ein Hersteller im Zentrum, um den sich seine Zulieferer gruppieren. Toyota gilt als Musterbeispiel mit Hunderten von Betrieben in mehreren Ringen. Zulieferer der ersten Ebene liefern direkt, die zweite Ebene beliefert die erste. Toyota hält an vielen dieser Firmen Anteile und schickt eigene Ingenieure zur Unterstützung.

Der Vorteil dieser Nähe ist Geschwindigkeit. Wenn ein Zulieferer weiß, dass der Auftrag auch in zehn Jahren noch kommt, investiert er in Spezialmaschinen. So wurde die berühmte Just-in-Time-Produktion möglich, bei der Teile erst wenige Stunden vor dem Einbau ankommen. Der Nachteil zeigt sich in Krisen: Fällt ein einziger Spezialzulieferer aus, steht die ganze Kette still. Genau das passierte nach dem Erdbeben von 2011 und während der Chipkrise.

Von Toyota bis zum Start-up-Netzwerk im Silicon Valley

In Wirtschaftsnachrichten taucht der Begriff meist auf, wenn es um japanische Industriekonzerne geht. Wenn Toyota, Denso und Aisin gemeinsam ein Chipwerk gründen, ist das Keiretsu-Logik. Auch bei Halbleitern und Batterien reden Analysten von Keiretsu-artigen Bündnissen, weil hier alte Lieferbeziehungen über Marktanteile entscheiden.

Der Ausdruck hat es zudem ins Silicon Valley geschafft. Dort nennt man Netzwerke von Start-ups, die alle beim selben Wagniskapitalgeber im Portfolio sind und sich gegenseitig als Kunden gewinnen, manchmal ein Keiretsu. Ein häufiger Irrtum ist dabei, Keiretsu mit Kartell gleichzusetzen. Ein Kartell spricht Preise gegen Kunden ab und ist verboten. Ein Keiretsu regelt vor allem, wer mit wem dauerhaft Geschäfte macht.

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