
WebDAV
WebDAV ist eine Erweiterung des Web-Protokolls HTTP, mit der man Dateien auf einem entfernten Server nicht nur lesen, sondern auch anlegen, ändern, verschieben und löschen kann. Dadurch lässt sich Speicherplatz im Internet wie ein normales Laufwerk im Dateimanager einbinden.
Wenn dein Browser eine Internetseite lädt, spricht er mit dem Computer, auf dem die Seite liegt, in einer festgelegten Sprache. Diese Sprache heißt HTTP und kann von Haus aus vor allem eines: Inhalte abrufen. WebDAV erweitert diese Sprache um Befehle zum Schreiben. Damit kann ein Programm Dateien auf einem fernen Rechner nicht nur herunterladen, sondern auch dort ablegen, umbenennen, in Ordner sortieren oder löschen. Die Abkürzung steht für « Web Distributed Authoring and Versioning », also etwa: gemeinsames Bearbeiten und Versionieren über das Web. Für dich als Nutzer sieht das Ergebnis oft aus wie ein zusätzliches Laufwerk, das in Wirklichkeit irgendwo in einem Rechenzentrum liegt.
Warum ein Netzlaufwerk ohne Extra-Software praktisch ist
Vor WebDAV brauchte man für den Dateiaustausch über das Internet meist eigene Protokolle wie FTP. FTP ist eine ältere Sprache nur für Dateiübertragung, mit eigenen Verbindungen und eigenen Regeln. Firmen-Netzwerke und Schul-Netzwerke sperren solche Verbindungen häufig aus Sicherheitsgründen. WebDAV läuft dagegen über dieselben Kanäle wie ganz normale Webseiten. Deshalb kommt es fast überall durch, wo auch das Surfen erlaubt ist.
Ein zweiter Vorteil ist die Unabhängigkeit vom Anbieter. WebDAV ist ein offener Standard, den jeder umsetzen darf. Ein Nextcloud-Server in einer Schule, ein Hosting-Paket und eine kommerzielle Cloud können dieselbe Schnittstelle anbieten. Ein Programm, das WebDAV beherrscht, funktioniert dann mit allen dreien. Das ist der Gegenentwurf zu geschlossenen Systemen, bei denen jeder Anbieter eine eigene App verlangt.
Wichtig ist aber eine Abgrenzung: WebDAV ist kein Synchronisationsdienst. Dienste wie Dropbox halten eine Kopie aller Dateien auf deinem Gerät und gleichen Änderungen im Hintergrund ab. WebDAV arbeitet meist direkt auf dem Server. Ohne Internetverbindung siehst du dann gar nichts. Das ist ein häufiger Irrtum und der Grund für Frust, wenn ein WebDAV-Laufwerk unterwegs im Zug plötzlich leer wirkt.
Sperren, Ordner und zusätzliche Befehle
Technisch fügt WebDAV dem Protokoll HTTP neue Kommandos hinzu. PUT legt eine Datei ab, DELETE löscht sie, MKCOL erzeugt einen Ordner. COPY und MOVE kopieren und verschieben, ohne dass die Daten den Umweg über deinen Rechner nehmen müssen. Das spart bei großen Dateien viel Zeit.
Zwei Befehle sind besonders typisch. PROPFIND fragt Eigenschaften ab, also etwa Dateigröße, Änderungsdatum und den Inhalt eines Ordners. Genau damit baut dein Dateimanager die Ordnerliste auf, die du siehst. LOCK sperrt eine Datei für andere, solange du sie bearbeitest. Das verhindert, dass zwei Leute gleichzeitig dieselbe Datei speichern und einer die Änderungen des anderen überschreibt.
Man kann sich WebDAV wie eine Bibliothek mit Ausleihzettel vorstellen. HTTP allein erlaubt nur, ein Buch im Lesesaal anzuschauen. WebDAV erlaubt zusätzlich, Bücher einzustellen, ins richtige Regal zu räumen und ein Buch als gerade ausgeliehen zu markieren. Die Sicherheit hängt dabei komplett an der Verschlüsselung: Ohne HTTPS, also die verschlüsselte Variante der Verbindung, gehen Passwort und Dateien im Klartext durchs Netz.
Nextcloud, Kalender und alte Firmenserver
Am häufigsten begegnet dir WebDAV bei selbst betriebenen Cloud-Speichern. Nextcloud und ownCloud, die viele Schulen und Behörden einsetzen, bieten immer eine WebDAV-Adresse an. Trägst du sie in Windows unter « Netzlaufwerk verbinden » oder im Finder von macOS unter « Mit Server verbinden » ein, erscheint dein Cloud-Ordner im Dateimanager. Auch Programme wie der Dateimanager von Android oder Notiz-Apps nutzen diesen Weg.
Zwei Ableger des Standards sind noch verbreiteter, als vielen bewusst ist. CalDAV überträgt Termine, CardDAV überträgt Kontakte. Wenn dein Handy Kalender und Adressbuch mit einem nicht-kommerziellen Server abgleicht, steckt sehr oft diese Technik dahinter. Beide bauen direkt auf WebDAV auf.
In Nachrichten taucht WebDAV meist in zwei Zusammenhängen auf. Zum einen bei digitaler Souveränität, wenn Verwaltungen offene Standards statt geschlossener Anbieter-Apps fordern. Zum anderen bei Sicherheitsmeldungen, denn schlecht abgesicherte WebDAV-Zugänge sind ein beliebtes Ziel für Angreifer. Modern ist das Protokoll nicht mehr, viele neue Dienste setzen stattdessen auf eigene Schnittstellen. Verschwunden ist es trotzdem nicht, weil es fast überall bereits eingebaut ist.