
Electronic Health Record
Ein Electronic Health Record ist die digitale Krankenakte eines Menschen: Diagnosen, Medikamente, Laborwerte und Befunde liegen in einer Datenbank statt in einem Papierordner. Weil diese Daten strukturiert und maschinenlesbar sind, sind sie zugleich die wichtigste Grundlage für KI-Anwendungen in der Medizin.
Wer beim Arzt war, hinterlässt dort eine Akte. Darin steht, was der Arzt festgestellt hat, welche Medikamente er verordnet hat und wie Blutwerte oder Röntgenbilder aussahen. Ein Electronic Health Record ist genau diese Akte, nur als Datensatz auf einem Computer statt als Papier im Schrank. Der Unterschied ist größer, als er zunächst klingt. Papier liegt an genau einem Ort und muss von Menschen gelesen werden. Ein digitaler Datensatz lässt sich kopieren, durchsuchen, an eine Klinik in einer anderen Stadt schicken und von Software auswerten.
Warum die Akte über Behandlungsfehler entscheidet
Der praktische Nutzen zeigt sich im Notfall. Jemand wird bewusstlos in eine fremde Klinik eingeliefert und kann nichts über sich sagen. Liegt seine Akte digital vor, sehen die Ärzte innerhalb von Sekunden seine Allergien, seine Vorerkrankungen und seine aktuellen Medikamente. Ohne diese Information beginnt jede Behandlung mit Raten.
Ein zweiter Punkt sind Wechselwirkungen zwischen Medikamenten. Ältere Menschen nehmen oft acht oder mehr Präparate gleichzeitig, verschrieben von verschiedenen Ärzten. Keiner dieser Ärzte kennt zwangsläufig die Verordnungen der anderen. Eine gemeinsame digitale Akte kann automatisch warnen, wenn sich zwei Wirkstoffe gefährlich beeinflussen.
Für die KI-Branche sind solche Akten außerdem ein enormer Datenschatz. Millionen dokumentierte Krankheitsverläufe sind das Material, aus dem sich Modelle für Diagnose oder Risikovorhersage trainieren lassen. Genau daraus entsteht aber auch der Konflikt: Gesundheitsdaten gehören zu den empfindlichsten Informationen überhaupt, und niemand möchte sie bei einem Arbeitgeber oder einer Versicherung wiederfinden.
Von Freitext zu einheitlichen Codes
Ein Electronic Health Record ist im Kern eine Datenbank. Jeder Eintrag hat feste Felder: Patientenkennung, Datum, Art des Eintrags, Inhalt. Vieles davon steht nicht als freier Text darin, sondern als Code aus einem festen Katalog. Für Diagnosen gibt es zum Beispiel den weltweit genutzten Katalog ICD, in dem jede Krankheit ein eigenes Kürzel hat.
Diese Standardisierung ist der eigentliche Trick. Schreibt ein Arzt frei « Zucker » und ein anderer « Diabetes mellitus Typ 2 », kann keine Software beides zuverlässig als dasselbe erkennen. Steht dagegen in beiden Akten derselbe Code, ist die Sache eindeutig. Damit Systeme verschiedener Hersteller Daten austauschen können, gibt es zusätzlich Übertragungsstandards, der derzeit wichtigste heißt FHIR.
In der Realität bleibt trotzdem viel unstrukturierter Text übrig: Arztbriefe, Operationsberichte, handschriftliche Notizen. Hier kommen Sprachmodelle ins Spiel, also KI-Systeme, die Texte verarbeiten. Sie fassen lange Berichte zusammen oder ziehen Diagnosen aus Fließtext heraus. Verlässlich ist das noch nicht überall, denn ein Fehler in einer Krankenakte kann jemanden im Ernstfall das Leben kosten.
Die elektronische Patientenakte in Deutschland
In Deutschland heißt die Umsetzung elektronische Patientenakte, kurz ePA. Seit 2025 bekommt sie jeder gesetzlich Versicherte automatisch, außer er widerspricht ausdrücklich. Dieses Prinzip nennt man Opt-out: Man ist dabei, solange man nicht aktiv Nein sagt. Verwaltet wird die Akte über eine App der Krankenkasse, in der man einzelne Dokumente auch für bestimmte Ärzte sperren kann.
In den USA ist der Markt seit Jahren etabliert und wird von wenigen großen Anbietern beherrscht, allen voran Epic Systems und Oracle Health. Diese Firmen tauchen regelmäßig in Wirtschaftsnachrichten auf, meist wenn sie KI-Funktionen in ihre Systeme einbauen. Ein häufiger Anwendungsfall ist die automatische Dokumentation: Software hört beim Arztgespräch mit und schreibt daraus den Eintrag in die Akte.
Ein verbreiteter Irrtum ist, ein Electronic Health Record sei einfach ein Ordner mit PDF-Dateien. Gescannte Befunde sind zwar oft Teil davon, aber der Sinn liegt in den strukturierten, auswertbaren Daten dahinter. Ebenfalls falsch ist die Vorstellung, alle Ärzte könnten jederzeit alles einsehen. Der Zugriff ist rechtlich eng geregelt und in der Regel an die Freigabe durch den Patienten gebunden.