Nvidia-Zahlen: Noch mal gut gegangen
- • Nvidia übertrifft Umsatzprognosen und stärkt den KI-Sektor deutlich
- • Claude erhält eigenen Chromium-Browser und verbessert Webzugang
- • Salesforce integriert CRM-Funktionen direkt in Claude für mehr Effizienz
Überraschend gute Nvidia-Zahlen stabilisieren den KI-Boom
Nvidia hat im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2027, das am 26. Juli endete, 96,2 Milliarden Dollar Umsatz gemacht: 18 Prozent mehr als im Vorquartal und 106 Prozent mehr als vor einem Jahr. Der Nettogewinn nach GAAP stieg auf 59,7 Milliarden Dollar, der verwässerte Gewinn je Aktie auf 2,46 Dollar (non-GAAP 2,22 Dollar). Die Bruttomarge lag bei 75,0 Prozent, nach 72,4 Prozent im Vorjahresquartal. Analysten hatten laut Bloomberg mit rund 92 Milliarden Dollar Umsatz und 2,09 Dollar je Aktie gerechnet.
Das Rechenzentrumsgeschäft trug 89,0 Milliarden Dollar bei, ein Plus von 117 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Nvidia weist diesen Bereich inzwischen zweigeteilt aus: 48,7 Milliarden Dollar entfielen auf Hyperscaler, 40,3 Milliarden auf AI Clouds, Industrie und Unternehmenskunden, ein Segment, das das Unternehmen ACIE nennt und das um 138 Prozent wuchs. Lieferungen von Hopper-Produkten nach China machten nach Angaben von Finanzchefin Colette Kress weniger als ein Prozent des Rechenzentrumsumsatzes aus. Die Sparte Edge Computing, in der auch das Gaming-Geschäft steckt, kam auf 7,2 Milliarden Dollar; Nvidia verwies dabei auf schwächere Consumer-PC-Verkäufe und erhöhte Speicher- und Systempreise.
Für das laufende Quartal stellt Nvidia 108 Milliarden Dollar Umsatz in Aussicht, plus/minus zwei Prozent, bei einer Bruttomarge von 74 Prozent. Rechenzentrumsumsatz aus China ist in dieser Prognose nicht eingerechnet. Hochgerechnet ergibt das eine jährliche Umsatzrate von rund 432 Milliarden Dollar. Zusätzlich nannte das Unternehmen für das Geschäftsjahr 2028 ein erwartetes Umsatzwachstum von 70 Prozent, deutlich über den von Analysten erwarteten 44 Prozent. Die Aktie gab nach der Veröffentlichung zunächst leicht nach und stieg dann im nachbörslichen Handel um mehr als fünf Prozent.
CEO Jensen Huang erklärte, Inference-Tokens seien produktiv und profitabel geworden, Compute sei jetzt Umsatz. Vor einem Jahr habe ein einziges Labor den Ausbau getrieben, heute skalierten mehrere Frontier-Labore parallel. Die Vera-Rubin-Plattform läuft nach Unternehmensangaben in voller Produktion, unter anderem bei CoreWeave, Google Cloud, Microsoft Azure, Oracle Cloud Infrastructure und Nebius. Nvidia kündigte außerdem Partnerschaften mit Apollo, BlackRock, Blackstone, Brookfield, Goldman Sachs und KKR an, um über 500 Milliarden Dollar Drittkapital für den Infrastrukturausbau zu mobilisieren. Im Quartal flossen rund 26,0 Milliarden Dollar über Aktienrückkäufe und Dividenden an die Aktionäre zurück, der freie Cashflow lag bei 21,3 Milliarden Dollar.
Parallel verschiebt sich die Nachfrage im Markt von Training zu Inference: Gartner erwartet für 2026 weltweit 23,3 Milliarden Dollar Ausgaben für Inference gegenüber 19 Milliarden für Training. Der Wafer-Scale-Anbieter Cerebras, seit Mai 2026 börsennotiert, meldete für sein zweites Quartal 209,9 Millionen Dollar Kernumsatz, ein Plus von 103 Prozent, wobei drei Kunden rund 76 Prozent des Umsatzes ausmachten. → Nvidia Newsroom, Decrypt, The Verge, Motley Fool, Quartz, Constellation Research, Fortune
Synthszr Take: Huangs Satz „compute is revenue“ ist die präziseste Beschreibung dieses Quartals, und er meint es wörtlich: 75 Prozent Bruttomarge auf 96,2 Milliarden Dollar bedeutet, dass Rechenzeit selbst zum verkäuflichen Endprodukt geworden ist, mit einer Preissetzungsmacht, von der jeder Softwareanbieter träumt. Interessant ist die neue Aufteilung des Rechenzentrumsgeschäfts: 40,3 Milliarden aus ACIE, also von AI-Clouds, Staaten und Unternehmen, gegen 48,7 Milliarden von den Hyperscalern. Die Nachfrage kommt längst nicht mehr aus einer Handvoll Labore, sondern aus einer breiten Käuferschicht, die Rechenleistung wie Strom einkauft und weiterverkauft. Wenn Nvidia zusammen mit Apollo, BlackRock und KKR über 500 Milliarden Dollar Fremdkapital für den Ausbau organisiert, finanziert hier jemand die Nachfrage nach dem eigenen Produkt gleich mit, und diese Rückkopplung sollte man im Auge behalten, wenn die 70-Prozent-Wachstumsprognose für 2028 irgendwann auf reale Auslastungszahlen trifft. Tokens produzieren heißt Geld verdienen, und die 108-Milliarden-Prognose ohne einen einzigen Dollar aus China ist die selbstbewussteste Zahl des ganzen Berichts.
Anthropic spendiert Claude einen eigenen Browser
Anthropic hat Claude auf dem Desktop einen eigenen Chromium-Browser spendiert, der innerhalb der Funktion Cowork läuft. Ausgerollt wird das an zahlende Abonnenten der Pro-, Max- und Team-Tarife unter Mac, Windows und Linux. Bisher brauchte Claude für den Webzugriff die Chrome-Erweiterung, die am 26. August 2025 startete und erst vor zwei Wochen ein größeres Update bekam. Nach Angaben des Unternehmens bleibt die Erweiterung für Aufgaben auf einer bereits geöffneten Seite die passende Wahl, etwa beim Pflegen eines CRM oder beim Abarbeiten des Posteingangs. Der eingebaute Browser ist von der täglichen Surf-Umgebung getrennt und hat deshalb keine Zugangsdaten: Anmeldungen lassen sich aus Chrome, Edge und Firefox unter macOS sowie aus Firefox unter Windows und Linux importieren, Banking-, E-Mail- und Single-Sign-On-Seiten sind ausgenommen. → The New Stack
Synthszr Take: OpenAI hat Atlas als eigenes Produkt beerdigt und in die ChatGPT-App geschoben, Anthropic kommt zwei Wochen nach dem letzten Extension-Update von der anderen Seite am selben Punkt an. Der Browser als verkaufbares Produkt ist schon einmal gescheitert, als Microsoft Netscape die Einnahmen austrocknete, indem es den Internet Explorer verschenkte. Diesmal ist er die Laufzeitumgebung für einen Agenten, den man ohnehin als Pro-, Max- oder Team-Abo bezahlt, deshalb muss er sich nie selbst rechnen. Anthropic nennt das Ding konsequent Claudes Browser, die Login-Politik zeigt, warum: Bank, Mail und Single Sign-On bleiben draußen, der Rest wird aus Chrome, Edge oder Firefox herübergezogen.
Bye, bye Interfaces: Salesforce integriert sein CRM in Claude und wird Headless
Salesforce und Anthropic haben am Dienstag unter dem Namen Claudeforce eine erweiterte Partnerschaft angekündigt, die das CRM direkt in Claude verfügbar macht. Kernstück ist „Salesforce in Claude“, ein Plugin für Claude CoWork mit 37 vorgefertigten Vertriebs-Fähigkeiten für Meeting-Vorbereitung, Deal-Bewertung und Pipeline-Analyse, mit denen Verkäufer Live-Daten abfragen und ändern können, ohne Salesforce selbst zu öffnen. Das Produkt läuft aktuell bei ausgewählten Pilotkunden, eine offene Beta ist für September geplant, weitere Fähigkeiten für andere Unternehmensbereiche ab dem dritten Quartal. Vorgeschichte ist Headless 360, das Salesforce im März auf der TDX-Konferenz vorgestellt hatte: eine Sammlung aus APIs, MCP-Servern und Kommandozeilen-Werkzeugen, über die Agenten Daten und Workflows ohne Benutzeroberfläche ansteuern. Patrick Stokes, President of Applications and Marketing, sagte im Gespräch mit VentureBeat, die Idee zum Plugin sei aus Anthropics eigener Nutzung entstanden, wo Salesforce fast ausschließlich über Claude bedient werde. → VentureBeat
Synthszr Take: Salesforce hat über zwei Jahrzehnte die Oberfläche besessen, an der Vertriebsleute ihren Arbeitstag verbringen, und übergibt sie jetzt freiwillig an Anthropic. Stokes' Rechnung, aus 10.000 Klicks werden 30 Sekunden, ist betriebswirtschaftlich sauber und strategisch heikel: Die Klicks waren die Gewohnheit, und die Gewohnheit war die Kundenbindung. Übrig bleiben Daten, Metadaten und die über Jahre kodifizierten Arbeitsabläufe, also genau die Schicht, die ein Kunde eines Tages auch über einen anderen MCP-Endpunkt anzapfen kann, wenn der Preis stimmt.
VCs hypen OpenClaw-Alternative „Instinct“
Das erst im vergangenen Jahr gegründete KI-Startup Instinct hat nach eigenen Angaben gegenüber dem Wall Street Journal eine Series B über 250 Millionen Dollar abgeschlossen. Damit steigt die Gesamtfinanzierung auf 350 Millionen Dollar, die Bewertung liegt bei 2,5 Milliarden Dollar. Angeführt wurde die Runde laut WSJ gemeinsam von Index Ventures und Benchmark. Hinter dem Produkt steht die Firma Spear Street Technology, geführt von Gründer Noah Shinn, der 23 Jahre alt ist. Instinct ist ein Assistent, den Nutzer mit ihren Apps und Geräten verbinden und per Textnachricht oder Anruf steuern; nach Darstellung des Anbieters organisiert er den Alltag. → TechCrunch
Synthszr Take: 2,5 Milliarden Dollar für ein Produkt in privater Beta, dessen Umsatz niemand nennt: Das ist eine Wette auf die Kurve der nächsten zwei Jahre. Index und Benchmark kaufen sich eine Option darauf, dass ein einzelner Assistent zum festen Kontaktpunkt für Kalender, Einkauf und Abos wird, und falls das eintritt, ist der heutige Preis billig. Die Belege, die Shinn öffentlich anführt, sind Roadtrips und gekündigte Abos, hübsche Anekdoten, die nichts darüber sagen, wie viele der frühen Nutzer nach acht Wochen noch dabei sind.
3M startet „Ask 3M“: Ein KI-Assistent soll Kunden durch 60.000 Produkte lotsen
3M hat mit Ask 3M einen KI-Assistenten gestartet, der Industriekunden technische Fragen zum eigenen Sortiment in Alltagssprache beantwortet. Anlass ist die Größe des Katalogs: Der Konzern verkauft über 60.000 Produkte, von Klebstoffen über Schleifmittel und Folien bis zu Schutzausrüstung, und das Finden des passenden Artikels ist laut Unternehmen selbst zur Hürde vor dem Kauf geworden. Nach Angaben von 3M stützen sich die Antworten ausschließlich auf geprüfte firmeneigene Dokumentation aus 49 Technologieplattformen und nicht auf offene Internetdaten. Zum Start deckt das Werkzeug Industrieklebstoffe und Klebebänder ab, weitere Kategorien sollen folgen. Als Beispielanfragen nennt der Konzern etwa die Suche nach einem Strukturklebstoff, der Carbonfaser mit Aluminium verbindet, oder den Vergleich von VHB Tape 5952 mit Adhesive Transfer Tape 468MP. → MyClaw Newsletter
Synthszr Take: Hier wurde ein Vertriebsproblem gelöst, künstliche Intelligenz war dabei nur das Werkzeug: 60.000 Produkte im Regal, und der Kunde findet das richtige nicht. Der teure Teil des Projekts steckt in den Jahrzehnten an Datenblättern, Freigabetexten und Anwendungsberichten über 49 Technologieplattformen, die jemand so sortieren musste, dass eine Maschine daraus belastbar und zitierfähig antwortet. Diese Substanz hat ein Chemiekonzern, ein allgemeines Sprachmodell hat sie nicht, und daraus entsteht ein Vorsprung, den kein Wettbewerber nachbauen kann.
Nvidia und Perplexity bringen Qwen-Modelle lokal auf den PC
Nvidia und Perplexity haben am 25. August „Portable Computer“ vorgestellt, eine Funktion, mit der Perplexity-Modelle direkt auf lokaler Nvidia-Hardware laufen. Unterstützt werden zum Start Qwen 3.8 27B und Qwen 3.6 35B, dazu eine von Perplexity nachtrainierte Variante namens Qwen 3.8 PPLX 27B; Nvidias Nemotron 3.5 Lightning soll folgen. Beide Modelle wurden so dimensioniert, dass sie in 24 GB Grafikspeicher passen, weil das die kleinste gemeinsame Speichergröße über die Nvidia-Produktlinie hinweg ist. Damit läuft dieselbe Datei auf dem DGX Spark mit GB10-Superchip, auf RTX-Pro-Workstationkarten und auf genau einer Consumer-Karte, der GeForce RTX 5090 mit 32 GB. Zum Herunterladen und Ausführen brauchen Nutzer ein Perplexity-Pro- oder Max-Abo. → AI Secret
Synthszr Take: Das Rechnen passiert auf deiner Karte, die Erlaubnis dazu liegt weiter auf einem Server von Perplexity, denn ohne aktives Pro- oder Max-Abo lässt sich Portable Computer weder laden noch starten. Für den Datenschutz ist der Gewinn real und sofort spürbar: Prompts, Dokumente und Zwischenergebnisse bleiben auf der Maschine, niemand kann sie im nächsten Trainingslauf wiederfinden. Die Abhängigkeit zieht dabei nur um, von der monatlichen Token-Abrechnung in die Abo-Verwaltung, und am Tag der Kündigung steht eine Karte mit 24 GB im Rechner, auf der nichts mehr anspringt.
Z.ai serviert GLM-5.3-Flash auf chinesischen Chips zu 10% des Preises
Z.ai (auch bekannt als Zhipu) hat am 26. August GLM-5.3-Flash veröffentlicht, das erste nativ multimodale Modell der GLM-5-Reihe. Es ist ein Mixture of Experts-Modell mit 320 Milliarden Gesamtparametern, von denen pro Token 18 Milliarden aktiv sind, und arbeitet mit einem Kontextfenster von 1.048.576 Token. Die Gewichte stehen unter MIT-Lizenz auf Hugging Face, dazu gibt es eine gehostete Programmierschnittstelle. Das Modell verarbeitet neben Text auch Bilder, Videos und Dateien. Vor dem Start lief es eine Woche lang anonym als „ox-alpha“ auf OpenCode und OpenRouter, wo es nach Angaben beider Plattformen zum meistgenutzten Modell der Woche wurde; die Zuordnung zu Z.ai wurde am Mittwoch bestätigt.
Nach Angaben des Anbieters übertrifft GLM-5.3-Flash den Vorgänger GLM-5.2 über Benchmarks hinweg bei etwa einem Zehntel des Preises. Auf dem Artificial Analysis Intelligence Index v4.1.1 erreicht das Modell 57 Punkte bei 0,045 Dollar pro Aufgabe und liegt damit auf einer Höhe mit GPT-5.6 Terra, Gemini 3.7 Flash und Qwen 3.8. Auf dem hauseigenen Code Bench kommt es im höchsten Reasoning-Modus auf 29,0 gegenüber 29,5 für Claude Opus 4.8. Auf DeepSWE v1.1 nennt Z.ai 63,4 Punkte gegenüber 46,2 für GLM-5.2, auf AutomationBench 48,8 gegenüber 26,2. Da die Auswertungen unterschiedliche Harnesses, Kontextgrenzen und Generierungseinstellungen verwenden, hängen die Vergleiche vom jeweiligen Testaufbau ab. Beobachter berichten, dass das Modell auffällig gesprächig ist und viele Token verbraucht, was bei den niedrigen Preisen wenig ins Gewicht fällt. Auf OpenRouter kostet es derzeit 0,075 Dollar je Million Input-Token und 0,25 Dollar je Million Output-Token, wobei diese Preise einen Rabatt von 50 Prozent enthalten.
Architektonisch ist das Modell auf möglichst billige Inference ausgelegt. Es kombiniert erstmals in der GLM-Reihe lineare Attention für lokale Abhängigkeiten mit sparse Attention, die globalen Kontext über einen leichtgewichtigen Indexer abruft. Bei einer Million Token Kontext komprimiert ein Verfahren namens IndexPool jeweils vier Indexer-Key-Vektoren zu einem, um Latenz und Speicherbedarf zu begrenzen. Gegenüber der GLM-4.5-Reihe halbiert das Modell bei ähnlicher Gesamtgröße sowohl die aktiven Parameter (18 statt 32 Milliarden) als auch die Zahl der Layer (45 statt 92). Z.ai nennt dreifach geringeren Attention-Compute und einen um den Faktor 4,4 kleineren KV-Cache. Trainiert wurde auf einem multimodalen Korpus von 30 Billionen Token.
Den Betrieb hat Z.ai vollständig auf inländisch produzierten KI-Beschleunigern abgewickelt. Das Unternehmen beschreibt einen auf SGLang aufgebauten Stack, der Encoding, Prefill und Decoding voneinander trennt, und berichtet über Zehntausende heimische Beschleuniger hinweg eine Verdreifachung der End-to-End-Serving-Leistung gegenüber der eigenen Ausgangsbasis auf derselben Hardware. Nach eigener Aussage erreicht Z.ai damit Hardware-Effizienz und Kosten pro Token auf dem Niveau gängiger Nvidia-GPUs. Während der anonymen Testphase gab OpenCode die verfügbare Kapazität mit 100 Billionen Token pro Tag an, kostenlos nutzbar. Lokales Deployment wird über SGLang, vLLM, TokenSpeed und KTransformers unterstützt; für Abonnenten des GLM Coding Plans steht das dreifache Kontingent des Vorgängers bereit. Die Veröffentlichung fiel auf den Tag der Nvidia-Quartalszahlen, an dem auch die Kosten für Kreditausfallversicherungen auf Technologieanleihen erneut Aufmerksamkeit fanden. → MarkTechPost, The New Stack, z, Hugging Face, TestingCatalog AI News, TechCrunch, Cautious Optimism, Business Insider
Synthszr Take: Zehntausende inländische Beschleuniger haben eine Woche lang 100 Billionen Token pro Tag ausgeliefert, gratis, und niemand hat es gemerkt, bis Z.ai die Maske abnahm. Die entscheidende Angabe im Blogpost ist die Verdreifachung der Serving-Leistung auf derselben heimischen Hardware, bis hinunter auf Kosten pro Token im Bereich gängiger Nvidia-Karten. Erreicht wird das über die Architektur: 18 Milliarden aktive Parameter, halbierte Layerzahl, ein um 4,4-fach geschrumpfter KV-Cache. Der Chip muss weniger können, wenn das Modell weniger von ihm verlangt, und genau diese Rechnung machen Exportkontrollen kaputt, die in FLOPs denken statt in Stacks. Wer gerade Rechenzentrumskapazität plant, für den ist die Frage, welcher Beschleuniger unter dem Modell liegt, ab heute verhandelbar. Nvidias Preismacht ruht spürbar stärker auf Trainingsläufen als auf der Inference.
Bill Gates: Die Gefahrenschwellen der KI sind längst überschritten
Bill Gates hat am 26. August einen rund 5.800 Wörter langen Essay mit dem Titel „The turbulent AI era is here. The choices we make are critical“ veröffentlicht, seine erste ausführliche Äußerung zu künstlicher Intelligenz seit drei Jahren. Die Kernaussage: Die Welt bereitet sich nicht auf die Umbrüche vor, die die Technologie bei Beschäftigung, Sicherheit und menschlichen Beziehungen auslösen wird. „Es gibt keinen Plan, der den Eintritt in die KI-Ära erleichtert“, schreibt er. Selbst unter den besten Umständen werde der Übergang eine der turbulentesten Phasen der Menschheitsgeschichte. Gegenüber Axios sagte er, bei gleichbleibendem Kurs und Tempo bestehe eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit für ein unterm Strich negatives Ergebnis; beide großen US-Parteien gingen mit dem Thema zu wenig durchdacht um.
In einem Interview mit MIT Technology Review, geführt in den Räumen von Gates Ventures in Kirkland bei Seattle, benannte der 70-Jährige, warum er sich gerade jetzt zu Wort meldet. Man habe die Schwellen bei biologischen, cyber-, psychosozialen und arbeitsmarktzerstörenden Fähigkeiten überschritten, dazu bei der fehlenden Kontrolle. Jahrelang habe es geheißen, in der Nähe dieser Schwellen werde man Regeln finden; dass sie nun ohne solche Regeln passiert seien, versetze ihn in einen Schockzustand. Besonders drastisch äußerte er sich zu den biologischen Fähigkeiten aktueller Frontier-Modelle: Jedes Modell, das neuartige Moleküle erzeugen könne, gehöre überwacht, und das Bioterror-Risiko halte er für etwa 50-mal beängstigender und wahrscheinlicher als eine natürliche Pandemie. Er selbst beschreibt seine neue Rolle als die einer „schrillen Stimme“, öffentlich wie in Gesprächen mit Industrie, Regierungen und Zivilgesellschaft. Der Essay ist der erste einer geplanten Reihe.
Beim Arbeitsmarkt argumentiert Gates, die Substitution beginne im Bürobereich, wo Unternehmen bereits weniger Berufseinsteiger einstellen, und werde sich mit besseren und billigeren Robotern auf körperliche Arbeit ausweiten. Bis zum Ende des Jahrzehnts könnten Maschinen bei manchen Tätigkeiten in Bau und Gastgewerbe mit Menschen konkurrieren. Am wenigsten Zeit hätten die, die sie am dringendsten bräuchten: die Buchhaltungskraft, die ein Bot ersetzt, oder der Arbeiter für 20 Dollar die Stunde, der einem Roboter für 10 Dollar weicht. Als Gegenmaßnahme schlägt er „Human Reserved“ vor, also Tätigkeiten, die gesellschaftlich bewusst Menschen vorbehalten bleiben, analog zu Naturschutzgebieten. Als Beispiel nennt er die Pflege seines an Alzheimer gestorbenen Vaters und die Diagnose einer unheilbaren Krankheit, die eine Maschine überbringen könnte, aber nicht sollte. Finanziert werden sollen Umschulung und soziale Absicherung unter anderem über Steuern auf Roboter und auf Token, also die Recheneinheiten, in die KI-Modelle Text zerlegen.
Als höchste Priorität nennt Gates den Aufbau eines nationalen und internationalen Rahmenwerks und vergleicht den Aufwand mit der Umorganisation der US-Regierung nach dem 11. September, die nur einen einzigen Bereich betraf. KI dagegen berühre Beschäftigung, Bildung, Steuern, Energie, Wahlen, öffentliche Gesundheit, das Finanzsystem und mehr. Dazu gehöre auch Zusammenarbeit zwischen den USA und China: China würde einer Beschränkung gefährlicher Modell-Releases womöglich zustimmen, wenn die USA vorangingen, sagte er Reuters. Sein Team arbeitet an einem Treffen mit Xi Jinping, vorgesehen für eine China-Reise im November; das letzte Treffen der beiden liegt drei Jahre zurück. Der Essay ist zugleich einer seiner ersten großen öffentlichen Auftritte, seit eine von der Gates Foundation beauftragte externe Prüfung rund 30 Treffen zwischen Jeffrey Epstein und der Stiftungsleitung, inklusive Gates, zwischen 2011 und 2014 dokumentierte. → MIT Technology Review, Wall Street Journal, Silicon Republic, Tom’s Hardware, The Guardian, Business Insider, Reuters, Quartz
Synthszr Take: Gates hat vier Jahrzehnte lang die guten Nachrichten gebracht, vom Rechner auf jedem Schreibtisch bis zu den Impfkampagnen der Stiftung, und noch im Januar klang er bei KI gelassen. Jetzt sitzt ein 70-Jähriger in einem Konferenzraum in Kirkland, schaukelt auf seinem Stuhl und beziffert Bioterror als 50-mal wahrscheinlicher und unheimlicher als eine natürliche Pandemie. Der verräterischste Absatz des Essays ist der über die Pflegekräfte seines an Alzheimer gestorbenen Vaters: Da argumentiert kein Technologe mit Szenarien, da erinnert sich ein Sohn an eine Grenze, die er selbst erlebt hat. Dass ausgerechnet er sich selbst als „schrille Stimme“ bezeichnet, zeigt, wie wenig Anschluss er im eigenen Milieu findet, das sich, wie er sagt, ungern selbst kritisiert. Die härteste Wette in dem Papier ist der Novembertermin bei Xi Jinping: Ein Privatmann ohne Amt versucht das zu organisieren, wofür in Washington und Brüssel gerade niemand die Kraft aufbringt.

