
Track 1.5
Track 1.5 bezeichnet Gesprächsrunden zwischen Staaten, an denen Regierungsvertreter und unabhängige Fachleute gemeinsam teilnehmen. In der KI-Politik dient dieses halboffizielle Format dazu, heikle Themen wie Militär-KI zu besprechen, ohne dass ein Staat sich sofort festlegen muss.
Wenn zwei Länder miteinander verhandeln, gibt es dafür verschiedene Wege. Der offizielle Weg läuft über Regierungen: Minister, Diplomaten, Behördenvertreter sitzen am Tisch und sprechen im Namen ihres Staates. Daneben gibt es den inoffiziellen Weg, bei dem nur Forscherinnen, Denkfabriken oder Unternehmen reden, ganz ohne staatlichen Auftrag. Track 1.5 liegt genau dazwischen und mischt beide Gruppen in einem Raum. Regierungsleute nehmen teil, aber ausdrücklich nicht als offizielle Verhandler, sondern in ihrer persönlichen Rolle. Die Zahl 1,5 ist also wörtlich gemeint: halb offiziell, halb privat. Der Begriff taucht seit einigen Jahren regelmäßig auf, wenn es um internationale Gespräche über künstliche Intelligenz geht.
Warum Staaten einen halboffiziellen Raum brauchen
Offizielle Verhandlungen haben ein Problem: Jeder Satz zählt. Was ein Regierungsvertreter dort sagt, gilt als Position seines Landes und kann später vorgehalten werden. Das macht die Beteiligten extrem vorsichtig. Neue Ideen werden so kaum ausgesprochen, weil niemand als Erster ein Zugeständnis machen will.
In einem Track-1.5-Format entfällt dieser Druck weitgehend. Die Teilnehmer können Vorschläge durchspielen, die offiziell noch gar nicht denkbar wären. Man nennt das manchmal einen Testballon: Man lässt eine Idee steigen und schaut, wie die andere Seite reagiert. Fällt die Reaktion schlecht aus, hat sich formal niemand festgelegt.
Bei KI kommt ein zweiter Grund dazu. Die Technik entwickelt sich schneller, als Ministerien sie verstehen können. Die Menschen, die wirklich wissen, wie ein großes Sprachmodell trainiert wird, arbeiten meist in Unternehmen oder an Universitäten. Ein Format, das Beamte und Fachleute zusammenbringt, schließt diese Wissenslücke.
Wer am Tisch sitzt und wie die Ergebnisse weiterwandern
Eingeladen wird meist von einer neutralen Organisation, etwa einer Stiftung, einer Universität oder einem Forschungsinstitut. Diese Rolle ist wichtig, denn keiner der beteiligten Staaten soll als Gastgeber auftreten. Die Runden sind klein, oft zwanzig bis vierzig Personen, und finden ohne Presse statt.
Fast immer gilt die sogenannte Chatham-House-Regel. Sie erlaubt es, das Gesagte später weiterzuerzählen, verbietet aber, den Namen des Sprechers zu nennen. Dadurch kann ein Teilnehmer offen reden, ohne dass ein Zitat am nächsten Tag in der Zeitung steht. Diese Regel ist der eigentliche Motor des Formats.
Am Ende steht selten ein Vertrag, sondern meist ein Bericht oder eine Liste gemeinsamer Empfehlungen. Diese Papiere gehen zurück in die Ministerien und tauchen manchmal Monate später in echten Verhandlungen wieder auf. Genau das ist der Zweck: Track 1.5 bereitet Entscheidungen vor, trifft sie aber nicht.
Track 1.5 in der KI-Politik zwischen USA und China
Am häufigsten liest man den Begriff im Zusammenhang mit Gesprächen zwischen den USA und China. Beide Länder treiben KI-Entwicklung voran und misstrauen einander stark. Offizielle Kanäle wurden dort mehrfach unterbrochen, halboffizielle Runden liefen dagegen weiter. Themen sind etwa der Einsatz von KI bei Waffensystemen oder die Frage, ob eine Software allein über den Abschuss einer Atomwaffe entscheiden darf.
Auch bei Sicherheitstests für neue Modelle spielt das Format eine Rolle. Forschungsgruppen aus verschiedenen Ländern tauschen sich darüber aus, wie man gefährliche Fähigkeiten eines Systems misst. Solche technischen Standards lassen sich leichter unter Fachleuten klären als in einer Ministerrunde.
Ein verbreiteter Irrtum ist, Track 1.5 sei ein geheimer Hinterzimmer-Deal. Das trifft nicht zu, denn die Ergebnisse werden meist veröffentlicht, nur eben ohne Namenszuordnung. Umgekehrt sollte man das Format auch nicht überschätzen. Es kann Vertrauen aufbauen und Missverständnisse ausräumen, aber niemanden zu irgendetwas verpflichten.