
Interceptor-Drohne
Eine Interceptor-Drohne ist ein kleines unbemanntes Fluggerät, dessen einzige Aufgabe darin besteht, eine andere Drohne in der Luft zu stoppen. Sie ist die billige Antwort auf ein teures Problem: Bisher schoss man auf Fluggeräte für wenige tausend Euro mit Raketen für Millionen.
Eine Drohne ist ein Fluggerät ohne Pilot an Bord. Sie wird vom Boden aus gesteuert oder fliegt eine einprogrammierte Route selbstständig ab. Eine Interceptor-Drohne ist eine besondere Bauart davon: Sie soll andere Drohnen in der Luft abfangen und unschädlich machen. Manche rammen ihr Ziel und stürzen mit ihm ab, andere zünden eine kleine Sprengladung in dessen Nähe. Der Name kommt vom englischen Wort für abfangen. Solche Geräte sind meist klein, sehr schnell und im Vergleich zu Flugabwehrraketen ausgesprochen billig.
Das Kostenproblem der Drohnenabwehr
Der Krieg in der Ukraine hat ein einfaches Rechenproblem sichtbar gemacht. Angriffsdrohnen wie die iranische Shahed kosten je nach Schätzung zwischen 20.000 und 50.000 Euro pro Stück. Eine moderne Flugabwehrrakete kostet oft mehrere hunderttausend Euro, manche Typen über eine Million. Wer jede Billigdrohne mit einer teuren Rakete abschießt, gewinnt zwar das einzelne Gefecht, verliert aber die Materialschlacht.
Dazu kommt der Nachschub. Raketen für Systeme wie Patriot oder IRIS-T lassen sich nur langsam produzieren, die Lager sind begrenzt. Der Angreifer kann dagegen hunderte einfache Drohnen pro Woche bauen. Eine Interceptor-Drohne für einige tausend Euro dreht dieses Verhältnis um. Sie ist damit weniger eine militärische Wunderwaffe als eine wirtschaftliche Korrektur.
Deshalb investieren nicht nur Rüstungskonzerne, sondern auch junge Technologiefirmen in diesen Bereich. Unternehmen aus der Ukraine, aus Deutschland, Großbritannien und den USA melden regelmäßig neue Modelle und Finanzierungsrunden. Für Anleger ist das ein eigener kleiner Markt geworden, der eng mit Fortschritten bei Bildverarbeitung und Steuerungssoftware zusammenhängt.
Vom Radarpunkt bis zum Treffer
Am Anfang steht die Entdeckung des Ziels. Radargeräte, Wärmebildkameras oder Mikrofone am Boden melden, dass etwas anfliegt. Aus diesen Daten berechnet ein Rechner die grobe Richtung und Höhe. Die Interceptor-Drohne startet und wird zunächst in diesen Bereich gelenkt, oft in wenigen Sekunden nach dem Alarm.
In der Endphase übernimmt die Drohne selbst. Eine Kamera an ihrer Spitze sucht im Bild nach dem Umriss des Gegners. Ein neuronales Netz, also ein aus Beispielbildern trainiertes Erkennungsprogramm, unterscheidet dabei zwischen einer Zieldrohne, einem Vogel und einer Wolke. Hat es das Ziel gefunden, hält die Steuerung es in der Bildmitte und fliegt darauf zu. Diese Rechnung läuft an Bord, denn eine Funkverbindung zur Bodenstation könnte gestört sein.
Ein häufiger Irrtum ist, dass so etwas vollautomatisch ohne Menschen abliefe. In den meisten Systemen gibt ein Bediener den Startbefehl frei, die Maschine übernimmt erst danach. Die technische Schwierigkeit liegt weniger im Fliegen als im Erkennen. Kleine Drohnen aus Sperrholz und Kunststoff sind auf Radar kaum sichtbar, und nachts liefert eine normale Kamera fast kein brauchbares Bild.
Flughäfen, Grenzen und Schlagzeilen
In den Nachrichten taucht der Begriff vor allem im Zusammenhang mit dem Ukrainekrieg auf. Dort fangen solche Drohnen nachts anfliegende Shahed-Drohnen ab, teils mit Trefferquoten von deutlich über der Hälfte. Auch die Bundeswehr und die NATO testen entsprechende Systeme, seit vermehrt unbekannte Drohnen über Kasernen und Industrieanlagen gesichtet wurden.
Der zweite Bereich ist zivil. Wenn eine einzelne Drohne den Flugbetrieb eines Großflughafens stundenlang lahmlegt, entsteht ein Millionenschaden. Klassische Gegenmittel wie Störsender sind dort heikel, weil sie auch Funk und Navigation der Flugzeuge treffen könnten. Ein gezielt gestarteter Abfänger, der das Objekt einsammelt oder herunterholt, gilt als saubere Alternative. Ähnliches gilt für Gefängnisse, Kraftwerke und Grenzabschnitte.
Man sollte Interceptor-Drohnen dabei nicht mit Kamikaze- oder Loitering-Drohnen verwechseln, die über einem Gebiet kreisen und Bodenziele angreifen. Die Bauweise ähnelt sich, der Zweck nicht: Der Interceptor richtet sich ausschließlich gegen Ziele in der Luft. Fachleute erwarten, dass beide Seiten weiter aufrüsten. Sobald Abfänger zuverlässig treffen, werden Angriffsdrohnen schneller, kleiner und schwerer erkennbar gebaut.