Netzdiagramm mit drei Unternehmenskästen A, B und C. Eine Person verbindet als direktes Doppelmandat die Gremien von A und B; zwei weitere Personen aus A sitzen in den Gremien von B und C und erzeugen so eine indirekte Verflechtung zwischen B und C.

Interlocking Directorates

Von Interlocking Directorates spricht man, wenn dieselbe Person in den Kontrollgremien mehrerer Unternehmen sitzt und diese Firmen dadurch personell miteinander verbunden sind. Solche Doppelmandate gelten als Einfallstor für Informationsflüsse zwischen Konkurrenten und werden deshalb von Kartellbehörden beobachtet.

Große Unternehmen werden nicht nur von ihrer Geschäftsführung geleitet. Über der Geschäftsführung steht ein Kontrollgremium, in Deutschland der Aufsichtsrat, in den USA das Board of Directors. Dieses Gremium besetzt die Chefposten, genehmigt große Investitionen und bekommt vertrauliche Zahlen zu sehen. Nun sitzt manche Person gleichzeitig in den Kontrollgremien von zwei oder drei verschiedenen Firmen. Diese personelle Überschneidung nennt man Interlocking Directorates, auf Deutsch etwa Verflechtung der Kontrollgremien. Die Firmen sind dann rechtlich völlig getrennt, aber über einen gemeinsamen Kopf verbunden.

Warum Kartellbehörden auf Doppelmandate schauen

Das Problem entsteht dort, wo zwei verbundene Firmen im selben Markt konkurrieren. Wer in beiden Gremien sitzt, kennt die Preispläne, die Kostenstruktur und die Produktideen beider Seiten. Selbst ohne böse Absicht kann dieses Wissen den Wettbewerb dämpfen. Ein Preiskampf ist unwahrscheinlicher, wenn die Kontrolleure beider Lager dieselbe Person ist. In den USA verbietet Section 8 des Clayton Act aus dem Jahr 1914 solche Doppelmandate zwischen direkten Konkurrenten ausdrücklich.

In der Tech- und KI-Branche kommt ein zweiter Punkt dazu: Beteiligungen. Große Konzerne investieren Milliarden in kleinere KI-Firmen und sichern sich dabei oft einen Sitz im Kontrollgremium oder wenigstens einen Beobachterstatus ohne Stimmrecht. Genau das wurde 2023 und 2024 zum Streitpunkt, als Microsoft einen Beobachtersitz im Board von OpenAI beanspruchte. Nach Rückfragen von Behörden in den USA, Großbritannien und der EU gab Microsoft den Sitz im Juli 2024 wieder auf.

Für Anleger ist das relevant, weil solche Verflechtungen die Unabhängigkeit eines Unternehmens berühren. Eine Firma, deren Gremium von einem Großinvestor mitbesetzt wird, trifft womöglich andere Entscheidungen als eine völlig eigenständige Firma.

Wie eine solche Verflechtung entsteht

Der häufigste Weg führt über Geld. Wer viel Kapital in ein Unternehmen steckt, will die Verwendung kontrollieren und verlangt dafür einen Sitz im Aufsichtsrat oder Board. Ein zweiter Weg ist Erfahrung: Ehemalige Vorstandschefs sind als Kontrolleure gefragt und sammeln über die Jahre mehrere Mandate an. Ein dritter Weg sind Banken und Fonds, die traditionell in vielen Gremien vertreten waren.

Fachleute unterscheiden zwei Formen. Bei einer direkten Verflechtung sitzt eine Person selbst in beiden Gremien. Bei einer indirekten Verflechtung sitzen zwei verschiedene Personen aus Firma A jeweils im Gremium von Firma B und C, sodass B und C über A verbunden sind. Zeichnet man alle diese Verbindungen als Netz, entstehen sichtbare Cluster: Wenige Dutzend Personen halten oft einen Großteil der Verbindungen zwischen den größten Konzernen eines Landes.

Ein verbreiteter Irrtum ist, Interlocking Directorates seien automatisch illegal. Das stimmt nicht. Verboten sind sie nur zwischen echten Wettbewerbern und ab bestimmten Umsatzgrenzen. Ein Mandat bei einem Autobauer und eines bei einer Versicherung ist völlig zulässig. Die Grenze verschwimmt allerdings, wenn Konzerne in immer mehr Geschäftsfelder gleichzeitig vordringen.

Verflechtungen in Nachrichten und Geschäftsberichten

Jede börsennotierte Firma muss ihre Aufsichtsräte samt weiterer Mandate offenlegen. Diese Listen stehen im Geschäftsbericht und sind frei einsehbar. Wer wissen will, wie eng zwei Unternehmen verbunden sind, findet dort die Antwort in wenigen Minuten.

In Wirtschaftsnachrichten taucht der Begriff meist in zwei Situationen auf. Erstens bei Fusionen und großen Beteiligungen, wenn Behörden prüfen, ob durch die neue Struktur zu viel Nähe entsteht. Zweitens in Debatten über die Macht großer Vermögensverwalter wie BlackRock oder Vanguard, die bei vielen konkurrierenden Konzernen gleichzeitig Anteile halten. Dieser Fall heißt Common Ownership und ist eine verwandte, aber eigene Diskussion.

Besonders lebhaft wird die Debatte derzeit rund um KI-Unternehmen geführt. Weil dort Rechenzentren, Chips und Modelle von wenigen Anbietern kommen, verbinden Investitionen und Gremiensitze fast alle Beteiligten miteinander. Wettbewerbshüter beobachten deshalb genau, wer bei wem am Tisch sitzt.

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