Friend-Shoring

Friend-Shoring

Friend-Shoring bezeichnet die Strategie von Unternehmen und Regierungen, Lieferketten gezielt in befreundete oder politisch gleichgesinnte Länder zu verlagern. Ziel ist es, Abhängigkeiten von geopolitisch unsicheren Handelspartnern zu reduzieren und die Versorgungssicherheit zu stärken.

Friend-Shoring beschreibt eine wirtschaftspolitische Strategie: Staaten und Unternehmen verlagern ihre Lieferketten — also die Ketten aus Lieferanten, Herstellern und Transporten, die ein Produkt durchläuft — bevorzugt in Länder, mit denen sie politisch eng verbunden sind. Die Idee dahinter ist einfach. Wer seine Bauteile, Rohstoffe oder Waren aus einem befreundeten Land bezieht, ist weniger anfällig, falls ein schwieriger Handelspartner den Hahn zudreht. Friend-Shoring ist damit eine direkte Antwort auf Erfahrungen aus den frühen 2020er-Jahren, als globale Lieferketten durch die Corona-Pandemie und politische Konflikte empfindlich gestört wurden. Der Begriff wurde besonders durch die damalige US-Finanzministerin Janet Yellen geprägt, die ihn 2022 öffentlich verwendete.

Warum gestörte Lieferketten so teuer werden können

Jahrzehntelang galt das Prinzip: Kaufe dort, wo es am günstigsten ist. Viele Industrieländer lagerten Produktion massiv nach Asien aus, vor allem nach China. Das senkte die Kosten erheblich. Gleichzeitig entstanden aber riesige Abhängigkeiten.

Als 2021 und 2022 Computerchips knapp wurden, standen Autofabriken in Deutschland still — obwohl das eigentliche Problem Tausende Kilometer entfernt lag. Ein einziger fehlender Chip kann verhindern, dass ein fertiges Auto ausgeliefert wird. Solche Erfahrungen machten deutlich, wie verwundbar global verteilte Lieferketten sind. Regierungen begannen, Versorgungssicherheit genauso ernst zu nehmen wie Kosteneffizienz.

Hinzu kommt die politische Dimension. Wenn ein Land Rohstoffe oder Technologien als Druckmittel einsetzt, kann das wirtschaftliche Folgen haben, die an einen Hebel erinnern. Friend-Shoring soll diesen Hebel aus der Hand nehmen, bevor er benutzt wird.

Wie Friend-Shoring in der Praxis aussieht

Konkret bedeutet Friend-Shoring, dass Unternehmen beim Aufbau neuer Produktionsstätten oder beim Auswählen neuer Zulieferer nicht mehr nur nach dem günstigsten Preis fragen, sondern auch nach der politischen Verlässlichkeit des Landes. Ein US-Konzern baut sein Chipwerk dann nicht in einem Land, das als geopolitisch riskant gilt, sondern lieber in Japan, Deutschland oder Südkorea.

Regierungen unterstützen das oft aktiv. Die USA haben mit dem CHIPS Act Milliardensubventionen bereitgestellt, um Halbleiterfabriken ins Inland oder in verbündete Länder zu locken. Die Europäische Union versucht ähnliches mit dem European Chips Act. Hier vermischt sich Friend-Shoring mit einem verwandten Begriff: dem Nearshoring, also der Verlagerung in geografisch nahegelegene Länder. Nearshoring ist geografisch gedacht, Friend-Shoring politisch — beides kann sich überschneiden, muss es aber nicht.

Friend-Shoring ist kein Automatismus, sondern eine bewusste Abwägung. Es macht Lieferketten stabiler, aber auch teurer. Wenn ein Produkt in einem Niedriglohnland günstig gefertigt werden könnte, kostet die Verlagerung in ein befreundetes Hochlohnland mehr. Diesen Aufpreis sehen Befürworter als Versicherungsprämie gegen geopolitische Risiken.

Friend-Shoring in aktuellen News und Wirtschaftsdebatten

Der Begriff taucht regelmäßig auf, wenn über die Beziehungen zwischen westlichen Ländern und China diskutiert wird. Besonders in der Halbleiterindustrie, beim Abbau seltener Erden — also bestimmter Metalle, die für Batterien und Elektronik gebraucht werden — und bei der Pharmaindustrie ist Friend-Shoring ein zentrales Thema.

Wenn Nachrichtenportale berichten, dass Apple einen Teil seiner iPhone-Produktion von China nach Indien oder Vietnam verlagert, steckt dahinter häufig Friend-Shoring-Logik. Indien und Vietnam gelten als politisch weniger riskant für westliche Unternehmen als China, das in Konflikte um Taiwan verwickelt ist. Auch wenn die EU neue Handelsabkommen mit Kanada oder Mexiko beschleunigt, wird Friend-Shoring als Begründung genannt.

Kritiker warnen, dass Friend-Shoring den freien Welthandel beschädigt und ärmere Länder benachteiligt, die plötzlich aus Lieferketten herausfallen, weil sie politisch nicht ins Bild passen. Die Debatte darüber, wie weit Wirtschaft und Geopolitik verflochten sein sollten, ist damit noch lange nicht abgeschlossen.

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