
Bauhaus-Emigration
Als Bauhaus-Emigration bezeichnet man die Auswanderung der Lehrer und Schüler der Kunstschule Bauhaus nach deren Schließung durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933. Die Vertriebenen verbreiteten ihre Ideen von schlichtem, funktionalem Design in den USA, Israel und vielen anderen Ländern.
Das Bauhaus war eine deutsche Kunst- und Handwerksschule, gegründet 1919 in Weimar. Dort wurde gelehrt, dass Möbel, Häuser und Alltagsgegenstände schlicht, zweckmäßig und für viele Menschen bezahlbar sein sollten. 1933 zwangen die Nationalsozialisten die Schule zur Schließung, weil sie ihnen politisch und künstlerisch verdächtig war. Viele Lehrer und ehemalige Schüler verließen daraufhin Deutschland, oft weil sie jüdisch, politisch verfolgt oder schlicht arbeitslos waren. Diese Auswanderungswelle nennt man Bauhaus-Emigration. Sie führte dazu, dass eine deutsche Idee vom Gestalten weltweit weiterlebte, ausgerechnet nachdem sie in Deutschland verboten worden war.
Wie eine geschlossene Schule zum Weltstil wurde
Normalerweise endet eine Idee, wenn die Institution dahinter zerschlagen wird. Beim Bauhaus geschah das Gegenteil. Die Vertriebenen nahmen ihre Lehrmethoden mit und bauten sie anderswo neu auf. Aus einer Schule mit ein paar hundert Absolventen wurde so ein internationaler Gestaltungsansatz.
Besonders sichtbar ist das in der Architektur. Glatte Fassaden, große Fensterflächen, Flachdächer und der Verzicht auf Zierrat prägen bis heute Bürogebäude und Wohnblocks in aller Welt. In den USA entstand daraus der sogenannte International Style, also ein Baustil ohne nationale Merkmale. Er wurde für Jahrzehnte zur Standardsprache moderner Städte.
Die Bauhaus-Emigration ist außerdem ein Musterbeispiel für einen größeren Vorgang: den Wissensverlust Deutschlands in den 1930er Jahren. Ähnliches passierte in der Physik, der Medizin und der Filmbranche. Wer über Innovation und Standortpolitik diskutiert, greift bis heute auf dieses Beispiel zurück.
Die Wege der Vertriebenen
Die Emigration lief nicht geordnet ab, sondern in Etappen und über Umwege. Walter Gropius, der Gründer des Bauhauses, ging zunächst nach England und 1937 weiter in die USA. Dort leitete er die Architekturabteilung der Universität Harvard. Ludwig Mies van der Rohe, der letzte Direktor, wurde in Chicago Hochschullehrer und baute dort Hochhäuser aus Stahl und Glas.
Entscheidend war, dass die Emigranten meist an Hochschulen unterkamen. So gaben sie nicht nur einzelne Entwürfe weiter, sondern die ganze Ausbildung. Der Maler László Moholy-Nagy gründete 1937 in Chicago das New Bauhaus. Josef und Anni Albers unterrichteten am experimentellen Black Mountain College in North Carolina. Ihre Studenten wurden später selbst zu Lehrern, und so vervielfältigte sich der Ansatz über Generationen.
Nicht alle gingen nach Amerika. Rund ein Dutzend Bauhäusler wanderte ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina aus. In Tel Aviv entstanden tausende Gebäude im schlichten weißen Stil der Moderne. Andere gingen in die Sowjetunion, nach Großbritannien oder nach Lateinamerika. Manche kehrten nach 1945 zurück, viele blieben für immer im Ausland.
Wo man das Erbe heute sieht
Der auffälligste Ort ist die sogenannte Weiße Stadt in Tel Aviv. Sie umfasst mehr als 4.000 Gebäude aus den 1930er und 1940er Jahren und gehört seit 2003 zum UNESCO-Welterbe. Führungen dort erklären regelmäßig die deutsche Vorgeschichte dieser Häuser. In den USA wiederum stehen die Hochhäuser von Mies van der Rohe in Chicago und New York als Wahrzeichen des International Style.
Im Alltag begegnet einem die Bauhaus-Emigration eher indirekt, über Produkte. Stahlrohrstühle, klare Leuchten und schnörkellose Regale gehen auf Entwürfe zurück, die über das Exil weiterverbreitet wurden. Möbelhäuser werben bis heute mit dem Wort Bauhaus, obwohl der Begriff rechtlich niemandem allein gehört. Vieles davon ist Marketing und hat mit der historischen Schule wenig zu tun.
In den Nachrichten taucht der Begriff vor allem bei Jubiläen, Ausstellungen und Restaurierungsprojekten auf. Ein häufiger Irrtum dabei: Das Bauhaus war kein einheitlicher Stil, sondern eine Schule mit sehr unterschiedlichen Positionen. Erst die Emigration und die Vermarktung im Ausland haben daraus rückblickend eine klare Marke gemacht.