Haircut

Haircut

Ein Haircut ist ein Abschlag, den eine Bank auf den Marktwert eines Wertpapiers macht, wenn sie es als Sicherheit für einen Kredit akzeptiert. Der Begriff bezeichnet außerdem den Verlust, den Gläubiger hinnehmen müssen, wenn ein Schuldner seine Schulden nur teilweise zurückzahlt.

Wer sich Geld leiht, muss dem Geldgeber oft etwas Wertvolles als Pfand hinterlegen. Der Geldgeber rechnet dieses Pfand aber absichtlich schlechter, als es gerade wert ist. Genau diesen Abschlag nennt man Haircut, auf Deutsch Sicherheitsabschlag. Ein Beispiel: Jemand hinterlegt Aktien im Wert von 100 Euro und bekommt dafür nur 70 Euro Kredit. Der Haircut beträgt dann 30 Prozent. Der Grund ist einfach: Der Wert der Aktien kann fallen, bevor der Geldgeber sie im Notfall verkaufen kann. Dasselbe Wort wird noch in einer zweiten Bedeutung benutzt, nämlich für den Verlust von Gläubigern bei einem Schuldenschnitt.

Der Puffer, der Banken vor Kursstürzen schützt

Kredite gegen Sicherheiten sind das Rückgrat des Finanzsystems. Banken leihen sich täglich riesige Summen untereinander und bei der Zentralbank. Fast immer hinterlegen sie dafür Wertpapiere, meist Staatsanleihen. Ohne Abschlag wäre dieses System extrem fragil. Fällt der Kurs der Sicherheit um zehn Prozent, stünde der Geldgeber sofort ohne ausreichende Deckung da.

Die Höhe des Abschlags zeigt, wie riskant ein Wertpapier eingeschätzt wird. Deutsche Staatsanleihen mit kurzer Laufzeit bekommen oft nur ein bis zwei Prozent Abschlag. Bei Aktien kleiner Firmen können es 50 Prozent oder mehr sein. Der Haircut ist damit eine Art öffentliches Misstrauensvotum in Zahlen. Wenn die Europäische Zentralbank die Abschläge für die Anleihen eines Landes erhöht, ist das ein deutliches Signal.

In Krisen wird das gefährlich. Fallen Kurse, steigen gleichzeitig die Abschläge, weil alles unsicherer wirkt. Schuldner müssen dann mehr Sicherheiten nachschießen, oft genau dann, wenn sie kein Geld haben. Um an Geld zu kommen, verkaufen sie Wertpapiere, was die Kurse weiter drückt. Diese Rückkopplung war ein wichtiger Treiber der Finanzkrise 2008.

Wie der Abschlag berechnet wird

Grundlage ist immer die Frage, wie stark der Wert einer Sicherheit schwanken kann. Risikoabteilungen schauen dafür auf die Kursgeschichte der letzten Jahre. Sie berechnen, wie weit der Kurs in einem schlechten Zeitraum typischerweise gefallen ist. Dieser mögliche Verlust wird zum Abschlag. Dazu kommt ein Zuschlag für den Fall, dass das Papier sich im Notfall nur schwer verkaufen lässt.

Drei Faktoren bestimmen das Ergebnis. Erstens die Schwankungsbreite des Kurses, in der Fachsprache Volatilität genannt. Zweitens die Laufzeit: Je länger eine Anleihe läuft, desto stärker reagiert ihr Kurs auf Zinsänderungen. Drittens die Handelbarkeit, also ob es überhaupt genug Käufer gibt. Ein Papier, das kaum jemand handelt, bekommt einen hohen Abschlag.

Ein häufiger Irrtum ist die Verwechslung mit dem Zins. Der Zins ist der Preis für das geliehene Geld. Der Haircut bestimmt dagegen, wie viel Geld man überhaupt bekommt. Beides kann sich unabhängig voneinander verändern. Bei der zweiten Bedeutung, dem Schuldenschnitt, funktioniert die Rechnung anders. Dort wird nachträglich festgelegt, welchen Anteil ihres Geldes die Gläubiger verlieren.

Von Staatspleiten bis zum Krypto-Konto

Das bekannteste Beispiel ist Griechenland im Jahr 2012. Private Gläubiger verzichteten auf gut die Hälfte ihrer Forderungen. In den Nachrichten hieß das durchgehend Haircut oder Schuldenschnitt. Ähnliche Debatten gibt es regelmäßig bei hoch verschuldeten Staaten, etwa Argentinien oder Sri Lanka.

Im Alltag begegnet der Begriff vor allem beim Wertpapierkredit. Wer über einen Broker Aktien auf Kredit kauft, sieht in der App einen Beleihungswert. Das ist der Kurs abzüglich des Abschlags. Fällt der Kurs, sinkt dieser Wert, und der Broker fordert Geld nach. Bei Kryptobörsen sind die Abschläge besonders hoch, weil die Kurse stark schwanken.

Auch in der Technologiebranche taucht das Wort auf, meist übertragen. Wenn Analysten nach schlechten Nachrichten ihre Bewertung eines KI-Unternehmens deutlich senken, sprechen Medien von einem Haircut auf die Bewertung. Gemeint ist dann kein Pfand, sondern schlicht ein kräftiger Abschlag auf eine Zahl.

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