
Fair Value
Der Fair Value ist der Preis, den ein Vermögensgegenstand heute bei einem Verkauf zwischen zwei unabhängigen, gut informierten Parteien erzielen würde. Er ist die zentrale Bewertungsgröße in modernen Bilanzen und ersetzt dort oft den historischen Kaufpreis.
Der Fair Value ist eine Antwort auf eine einfache Frage: Was ist eine Sache heute wert? Gemeint ist der Betrag, den man beim Verkauf am Markt bekommen würde. Dabei sollen beide Seiten freiwillig handeln, unabhängig voneinander sein und die Sache gut kennen. Niemand darf unter Zeitdruck stehen oder zu einem Notverkauf gezwungen sein. Der deutsche Fachausdruck dafür lautet « beizulegender Zeitwert ». Er steht im Gegensatz zum Anschaffungswert, also dem Preis, den man selbst irgendwann einmal bezahlt hat.
Warum Unternehmen nicht beim Kaufpreis bleiben
Eine Bilanz ist eine Liste dessen, was ein Unternehmen besitzt und schuldet. Lange Zeit standen dort vor allem Anschaffungswerte. Ein 2015 gekauftes Aktienpaket blieb dann mit dem Preis von 2015 in den Büchern, egal was seitdem passiert war. Das ist sehr verlässlich, aber es kann massiv an der Realität vorbeigehen.
Beim Fair Value wird stattdessen regelmäßig neu bewertet. Steigt der Kurs, steigt der Bilanzwert. Fällt er, sinkt er ebenfalls. Anleger sehen dadurch ein aktuelles Bild statt eines historischen. Genau deshalb schreiben internationale Rechnungslegungsregeln wie IFRS diese Bewertung für viele Finanzanlagen vor.
Der Preis dafür ist Schwankung. Bilanzen werden unruhiger, weil Marktbewegungen direkt durchschlagen. In der Finanzkrise 2008 war das ein heftig diskutierter Punkt: Als Preise einbrachen, mussten Banken ihre Papiere abwerten, was zu neuen Verkäufen führte und die Preise weiter drückte. Kritiker sprachen von einer Abwärtsspirale.
Die drei Stufen der Bewertung
Am einfachsten ist der Fall, wenn es einen offenen Markt gibt. Eine Aktie von SAP hat jeden Handelstag einen Kurs. Diesen Kurs nimmt man einfach und ist fertig. Fachleute nennen das Stufe eins oder Level 1.
Oft gibt es aber keinen direkten Kurs. Dann sucht man Hilfsgrößen: Preise ähnlicher Produkte, Zinssätze, Wechselkurse. Aus diesen beobachtbaren Daten rechnet man den Wert ab. Das ist Stufe zwei. Ein Beispiel wäre eine Anleihe, die kaum gehandelt wird, aber deren Zwilling regelmäßig gehandelt wird.
Stufe drei ist die schwierigste. Hier existieren keine brauchbaren Marktdaten mehr, etwa bei einem Anteil an einem jungen Start-up. Das Unternehmen muss dann selbst schätzen, meist über eine Prognose künftiger Gewinne. Solche Schätzungen hängen stark von Annahmen ab. Ändert man die erwartete Wachstumsrate leicht, ändert sich das Ergebnis oft dramatisch. Deshalb schauen Prüfer und Investoren auf Level-3-Werte besonders genau.
Fair Value in Tech-Nachrichten und Depots
Im Tech-Bereich taucht der Begriff auf, wenn Konzerne Beteiligungen an anderen Firmen halten. Investiert ein Konzern in ein KI-Start-up und wird dieses später höher bewertet, kann das im Quartalsbericht als Gewinn erscheinen, ohne dass ein einziger Anteil verkauft wurde. Solche Buchgewinne sind echt bilanziert, aber nicht als Geld auf dem Konto vorhanden. Sinkt die Bewertung wieder, dreht sich der Effekt um.
Auch Aktienanalysten benutzen das Wort, allerdings etwas anders. Sie meinen damit den Wert, den eine Aktie ihrer Rechnung nach haben sollte. Liegt der Börsenkurs darunter, gilt die Aktie als unterbewertet. Das ist eine Meinung, keine Bilanzvorschrift, und beide Bedeutungen werden häufig verwechselt.
Im eigenen Depot begegnet einem das Prinzip täglich. Der angezeigte Depotwert ist nichts anderes als eine Fair-Value-Rechnung mit aktuellen Kursen. Ein typischer Irrtum ist, diesen Wert für sicher zu halten. Er gilt nur für den Moment und nur, solange es Käufer zu diesem Preis gibt.