
Herfindahl-Hirschman-Index
Der Herfindahl-Hirschman-Index ist eine Kennzahl dafür, wie stark ein Markt von wenigen großen Anbietern beherrscht wird. Kartellbehörden nutzen ihn, um zu prüfen, ob eine geplante Firmenübernahme den Wettbewerb zu stark einschränkt.
Auf manchen Märkten teilen sich viele kleine Anbieter die Kundschaft. Auf anderen bestimmen zwei oder drei Konzerne fast alles. Der Herfindahl-Hirschman-Index drückt diesen Unterschied als einzige Zahl aus. Man nimmt dazu die Marktanteile aller Anbieter, quadriert jeden einzelnen und zählt die Ergebnisse zusammen. Weil das Quadrieren große Anteile besonders stark gewichtet, steigt die Zahl, sobald wenige Firmen dominieren. Benannt ist sie nach den Ökonomen Orris Herfindahl und Albert Hirschman.
Die Zahl, die über Übernahmen entscheidet
Wettbewerbsbehörden müssen bei jeder großen Fusion eine schwierige Frage beantworten: Bleibt danach noch genug Konkurrenz übrig? Der Index macht diese Frage messbar. Die US-Behörden arbeiten mit klaren Schwellen. Unter 1000 gilt ein Markt als wenig konzentriert, über 1800 als stark konzentriert. Zusätzlich schauen die Behörden darauf, um wie viele Punkte der Wert durch die Fusion steigen würde.
Für Anleger ist der Index ebenfalls interessant, allerdings mit umgekehrtem Vorzeichen. Ein Unternehmen in einem hochkonzentrierten Markt kann höhere Preise durchsetzen und verdient oft besser. Genau deshalb ist die Kennzahl in der Tech-Branche so präsent. Bei Cloud-Diensten, Suchmaschinen oder Chips für KI-Rechenzentren liegt die Konzentration sehr hoch.
Ein häufiger Irrtum: Ein hoher Wert bedeutet nicht automatisch, dass jemand gegen ein Gesetz verstößt. Marktmacht darf man haben. Verboten ist erst, sie zu missbrauchen oder sich durch Zukäufe die Konkurrenz vom Hals zu schaffen.
Vom Marktanteil zur Kennzahl
Die Rechnung ist einfach genug für ein Blatt Papier. Man notiert für jede Firma den Marktanteil in Prozent. Diese Zahl multipliziert man mit sich selbst. Anschließend addiert man alle Ergebnisse. Ein Markt mit vier gleich großen Anbietern zu je 25 Prozent ergibt viermal 625, also 2500.
Zum Vergleich: Teilen sich hundert Anbieter den Markt zu je einem Prozent, kommt man auf 100. Ein einziger Anbieter mit hundert Prozent ergibt dagegen 10.000, den höchstmöglichen Wert. Die Skala reicht also von fast null bis 10.000.
Der Trick steckt im Quadrieren. Ein Anteil von 50 Prozent liefert 2500 Punkte, zehn Anbieter mit je 5 Prozent zusammen nur 250. Dieselbe Marktmenge, aber ein zehnmal höherer Wert. Deshalb reagiert der Index empfindlich auf einzelne Riesen und ignoriert winzige Anbieter fast völlig. Das ist gewollt, denn eine Firma mit 0,2 Prozent Marktanteil bremst niemanden.
Wenn Tech-Fusionen vor Gericht landen
In Wirtschaftsnachrichten taucht der Index meist dann auf, wenn eine Milliardenübernahme geprüft wird. Als Microsoft den Spielehersteller Activision Blizzard kaufen wollte, stritten Behörden und Anwälte jahrelang über die Marktabgrenzung. Denn die Kennzahl hängt völlig davon ab, wie man den Markt zuschneidet. Zählt man alle Videospiele oder nur Konsolenspiele? Das Ergebnis kann sich dadurch verdoppeln.
Auch in der KI-Debatte fällt die Zahl regelmäßig. Ein einziger Hersteller liefert den Großteil der Spezialchips für das Training großer Modelle. Drei Anbieter beherrschen den Cloud-Markt, auf dem diese Modelle laufen. Politiker und Aufsichtsbehörden verweisen auf solche Werte, wenn sie strengere Regeln fordern.
Man begegnet dem Index außerdem außerhalb der Wirtschaft. Fondsmanager berechnen ihn, um zu prüfen, ob ein Portfolio zu sehr von wenigen Aktien abhängt. Auch Studien zur Vielfalt von Medien oder Lieferketten greifen darauf zurück. Das Prinzip bleibt immer gleich: Er misst, wie ungleich etwas verteilt ist.