Underwriting

Underwriting

Underwriting ist die Prüfung, ob eine Bank oder Versicherung ein bestimmtes Risiko übernimmt und zu welchem Preis. Heute übernehmen dabei oft Computerprogramme die Vorarbeit, die aus Daten eine Risikoeinschätzung berechnen.

Wer einen Kredit beantragt oder eine Versicherung abschließen will, bekommt nicht automatisch eine Zusage. Zuerst prüft das Unternehmen, wie wahrscheinlich es ist, dass es Geld verliert. Genau diese Prüfung heißt Underwriting. Am Ende steht eine Entscheidung: Zusage, Ablehnung oder Zusage zu einem höheren Preis. Der Begriff stammt aus dem Versicherungsgeschäft in London: Dort unterschrieben Geldgeber unter einem Schiffsrisiko, das sie übernehmen wollten. Aus diesem Unterschreiben darunter wurde das englische Wort Underwriting.

Warum jeder Kredit einen Preis für sein Risiko hat

Banken und Versicherer verdienen kein Geld damit, dass alles gut geht. Sie verdienen daran, dass sie Risiken richtig einschätzen. Wenn eine Bank tausend Kredite vergibt, wird ein Teil davon nicht zurückgezahlt. Diese Ausfälle müssen die Zinsen der anderen Kredite mit abdecken. Schätzt die Bank das Risiko zu niedrig ein, macht sie Verlust.

Der umgekehrte Fehler ist genauso teuer. Wer zu vorsichtig prüft, lehnt Kunden ab, die problemlos zurückgezahlt hätten. Diese Kunden gehen zur Konkurrenz. Gutes Underwriting bedeutet also nicht möglichst strenge Prüfung, sondern möglichst treffsichere.

Wie wichtig das ist, hat die Finanzkrise ab 2007 gezeigt. In den USA wurden Immobilienkredite an Menschen vergeben, deren Zahlungsfähigkeit kaum ernsthaft geprüft worden war. Als viele davon gleichzeitig ausfielen, gerieten weltweit Banken in Schieflage. Seitdem schreiben Aufsichtsbehörden deutlich genauer vor, wie geprüft werden muss.

Von der Checkliste zum Scoring-Modell

Früher war Underwriting reine Handarbeit. Ein erfahrener Mitarbeiter, der Underwriter, sah sich Gehaltsnachweise, Kontoauszüge und Verträge an. Aus Erfahrung und festen Regeln entstand ein Urteil. Solche Regeln gibt es bis heute, etwa eine Obergrenze dafür, welcher Anteil des Einkommens für Kreditraten draufgehen darf.

Inzwischen übernimmt meist Software die Vorarbeit. Sie berechnet einen Score, also eine Zahl, die die geschätzte Ausfallwahrscheinlichkeit ausdrückt. Grundlage sind Daten von hunderttausenden früheren Kunden, bei denen man weiß, wie der Kredit ausgegangen ist. Das Programm sucht darin Muster: Welche Kombination aus Alter, Einkommen, Beruf und Zahlungshistorie ging häufig schief? Diese Muster wendet es dann auf neue Anträge an.

Ein häufiger Irrtum ist, dass so ein Modell die Zukunft einer einzelnen Person kennt. Das kann es nicht. Es sagt nur, dass von hundert ähnlichen Antragstellern statistisch etwa drei ausfallen. Für den Einzelfall bleibt das eine Wahrscheinlichkeit. Deshalb dürfen in Europa besonders folgenreiche Entscheidungen nicht allein einer Maschine überlassen werden. Kunden haben ein Recht darauf, eine Begründung zu verlangen und einen Menschen einzuschalten.

Vom Handyvertrag bis zum Börsengang

Underwriting begegnet dir öfter, als du denkst. Beim Online-Kauf auf Rechnung prüft im Hintergrund in Sekundenbruchteilen ein Modell, ob du die Rechnung wohl bezahlst. Dasselbe passiert beim Handyvertrag, beim Ratenkauf und bei der Kfz-Versicherung. Dass junge Fahranfänger dort besonders viel zahlen, ist ein Ergebnis von Underwriting: Ihre Unfallquote ist statistisch höher.

Der Begriff hat noch eine zweite Bedeutung, die in Wirtschaftsnachrichten auftaucht. Geht ein Unternehmen an die Börse, übernimmt eine Investmentbank das Underwriting der neuen Aktien. Sie garantiert dem Unternehmen einen bestimmten Erlös und trägt das Risiko, wenn sich die Aktien schlechter verkaufen als erhofft. Auch hier geht es also um das Übernehmen eines Risikos gegen Bezahlung.

In Meldungen über Finanz-Start-ups, sogenannte Fintechs, ist Underwriting fast immer das Verkaufsargument. Die Firmen behaupten, mit besseren Modellen und mehr Daten Kunden bedienen zu können, die klassische Banken ablehnen. Ob das stimmt, zeigt sich erst nach Jahren an den tatsächlichen Ausfallquoten. Bis dahin ist es eine Behauptung, keine Bilanz.

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