
Nostr-Protokoll
Nostr ist ein einfaches Regelwerk, mit dem Menschen kurze Nachrichten über viele unabhängige Server verschicken können, ohne dass eine Firma das Netzwerk kontrolliert. Jeder Nutzer besitzt statt eines Kontos bei einem Anbieter ein eigenes digitales Schlüsselpaar, mit dem er seine Beiträge unterschreibt.
Nostr ist eine Sammlung von Regeln dafür, wie kurze Nachrichten im Internet verschickt werden. Solche gemeinsamen Regeln nennt man ein Protokoll: Alle Programme, die sich daran halten, können miteinander reden. Bei Nostr schickt man seine Beiträge nicht an eine einzelne Firma, sondern an viele unabhängige Server, die Relays heißen und die Nachrichten nur weitergeben und speichern. Statt eines Kontos mit Benutzername und Passwort hat jeder Nutzer zwei lange Zahlenfolgen: eine öffentliche, die wie eine Adresse funktioniert, und eine geheime, mit der er beweist, dass ein Beitrag wirklich von ihm ist. Der Name ist die Abkürzung für den englischen Satz „Notes and Other Stuff Transmitted by Relays“, also etwa „Notizen und anderes Zeug, übertragen durch Relays“. Entwickelt wurde die Idee ab 2020 von einem Programmierer, der unter dem Namen fiatjaf auftritt, und sie wird seither offen weiterentwickelt.
Ein soziales Netzwerk ohne Hausherrn
Übliche soziale Netzwerke gehören einer Firma. Diese Firma entscheidet, welche Beiträge sichtbar sind, wer gesperrt wird und ob es das Netzwerk in fünf Jahren noch gibt. Wer dort gesperrt wird, verliert Beiträge und Kontakte auf einen Schlag. Nostr verschiebt diese Macht: Weil die Identität am eigenen Schlüssel hängt und nicht am Server, kann ein einzelner Betreiber niemanden aus dem Netzwerk werfen.
Das ist besonders für Journalisten und Aktivisten in Ländern mit strenger Zensur interessant. Sperrt ein Staat ein Relay, wechseln die Nutzer einfach zu einem anderen und behalten ihre Anhängerschaft. Politisch ist Nostr deshalb vor allem in Kreisen populär, die Zensur und die Marktmacht großer Plattformen kritisch sehen. Bekanntester Unterstützer ist Jack Dorsey, der Mitgründer von Twitter, der die Entwicklung mit Bitcoin-Spenden in Millionenhöhe gefördert hat.
Die Kehrseite gehört zur Sache: Was nicht zentral gelöscht werden kann, lässt sich auch schwer moderieren. Beleidigungen, Betrug und Spam bleiben ein offenes Problem. Nostr löst es nicht global, sondern lokal — jedes Relay und jede App filtert nach eigenen Regeln.
Schlüssel, Signaturen und Relays
Der Kern von Nostr ist ein Datenpaket, das „Event“ genannt wird. Darin stehen der Text, ein Zeitstempel, die öffentliche Adresse des Autors und eine digitale Unterschrift. Diese Unterschrift entsteht rechnerisch aus dem geheimen Schlüssel und dem Inhalt. Jeder kann mit der öffentlichen Adresse nachprüfen, dass die Unterschrift passt — und niemand kann sie fälschen, ohne den geheimen Schlüssel zu kennen.
Man kann sich den geheimen Schlüssel wie den Siegelring eines mittelalterlichen Fürsten vorstellen. Wer das Siegel im Wachs erkennt, weiß, wer den Brief geschrieben hat. Aber wer den Ring verliert oder stehlen lässt, hat ein echtes Problem: Bei Nostr gibt es keinen Kundendienst, der ein Passwort zurücksetzt. Genau das ist heute die größte Hürde für neue Nutzer.
Die Relays selbst sind absichtlich sehr einfache Programme. Sie nehmen Events an, speichern sie und liefern sie auf Anfrage aus. Eine App schickt einen Beitrag üblicherweise gleichzeitig an fünf bis zehn Relays und fragt dort auch die Beiträge der abonnierten Kontakte ab. Fällt ein Relay aus, übernehmen die anderen. Anders als bei einer Blockchain gibt es keine gemeinsame Kette und keinen Zwang zur Einigkeit — jedes Relay hat einfach seinen eigenen Bestand.
Damus, Zaps und die Bitcoin-Szene
Am sichtbarsten wird Nostr in Apps, die aussehen wie ein Kurznachrichtendienst. Bekannt sind Damus für das iPhone, Amethyst für Android und Primal im Browser. Wichtig ist dabei: Man wechselt die App, ohne die Kontakte zu verlieren, weil Identität und Beiträge nicht der App gehören. Damus geriet 2023 in die Schlagzeilen, als Apple die App aus dem chinesischen App Store entfernen ließ.
Eine typische Nostr-Funktion sind „Zaps“: kleine Zahlungen in Bitcoin, die man direkt an einen Beitrag hängt, oft im Wert von wenigen Cent. Deshalb liest man den Begriff auf Finanzseiten meist im Zusammenhang mit Bitcoin und Bezahlnetzwerken. Neben Kurznachrichten gibt es inzwischen auch Nostr-basierte Blogs, Marktplätze und Chats.
Für KI-Themen ist Nostr aus einem weiteren Grund relevant. Weil Beiträge signiert sind, lässt sich nachweisen, wer etwas veröffentlicht hat — hilfreich in einer Zeit, in der Texte und Bilder maschinell in Masse erzeugt werden. Gemessen an großen Plattformen bleibt Nostr klein, mit einigen Hunderttausend regelmäßig aktiven Nutzern. Man sollte es daher weniger als Konkurrenten von X oder Instagram lesen, sondern als Experiment, wie soziale Netzwerke ohne Eigentümer funktionieren könnten.