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Nullmessung: wieviel Propaganda gibt's im Netz ohne Yandex?Synthszr
synthszr #287 vom Montag, den 12.10.2026

Nullmessung: wieviel Propaganda gibt's im Netz ohne Yandex?

  • • Ukrainische Drohnenangriffe auf Yandex lassen Bot-Traffic einbrechen
  • • Grok Bot nutzt ab sofort das beste Backend, inklusive Claude Opus 5.5
  • • Trump fordert Umstellung auf „Super Intelligence“, Big Tech zieht nach

Drohnentreffer lassen russischen Bot-Traffic einbrechen

Ukrainische Drohnen haben am frühen Sonntagmorgen, dem 11. Oktober, ein Rechenzentrum des russischen Technologiekonzerns Yandex im Bezirk Energetik der Stadt Wladimir getroffen. Yandex bestätigte auf Telegram, dass der Betrieb der Anlage „vollständig ausgesetzt“ wurde und niemand verletzt worden sei. Die Anlage ist auf 40 bis 50 Megawatt ausgelegt und für bis zu 2.880 Server-Racks konzipiert. Es war der dritte Treffer auf Yandex-Serverinfrastruktur innerhalb von vier Tagen. Der ukrainische Drohnenhersteller Fire Point erklärte, der Angriff sei mit FP-1-Drohnen erfolgt.

Der Ausfall zog sich durch nahezu das gesamte Yandex-Portfolio. Betroffen waren Verbraucherdienste wie der Sprachassistent Alice, Yandex Music, das Videokonferenz-Werkzeug Telemost und Yandex Smart Home. Auf Unternehmensseite fielen Compute Cloud, Object Storage, Managed Kubernetes sowie PostgreSQL- und ClickHouse-Datenbanken aus, dazu Entwicklerwerkzeuge und KI-Schnittstellen wie die YandexGPT API, SpeechKit und Vision OCR. Die Statusseite von Yandex Cloud führte zeitweise mindestens 84 Dienste als offline. Nutzer meldeten zudem Störungen in Banking-Apps, bei Fahrdienst-Plattformen und in den Handelsketten Magnit und Fix Price, teils auch in Nachbarländern.

Cloudflare registrierte einen Einbruch des Bot-Traffics aus dem Yandex-Netz auf 0,4 Prozent des in den vergangenen zwei Wochen gemessenen Maximums; nach dem ersten Treffer am 8. Oktober lag der Wert noch bei rund 57 Prozent. Das Messunternehmen NetBlocks beziffert den verbliebenen Netzwerkverkehr auf 30 Prozent bei Yandex Cloud und 63 Prozent bei Yandex LLC. Ein Ausweichen auf Satelliteninternet ist für russische Nutzer kaum möglich, da Starlink dort nicht verfügbar ist und die konkurrierende Rassvet-Konstellation einen Teil ihrer Satelliten verloren hat. Der Gouverneur der Region Wladimir, Alexander Awdejew, berichtete von beschädigten Umspannwerken und erklärte, Wärme- und Wasserversorgung sowie rund 80 Prozent der Stromversorgung seien bis Sonntagmorgen wiederhergestellt. Das russische Verteidigungsministerium gab an, in der Nacht 479 ukrainische Flächendrohnen über 16 Regionen abgefangen zu haben.

Ein viral gegangener Beitrag auf X behauptet, die Unterstützung für die AfD in sozialen Medien sei nach ukrainischen Angriffen auf Rechenzentren von Yandex um 56 Prozent eingebrochen. Der Autor führt weitere angebliche Beobachtungen an: weniger vermeintlich polnische Konten, die gegen Ukrainer hetzen, weniger vermeintlich ukrainische Konten, die gegen Polen hetzen, dazu einen spürbaren Rückgang der Online-Unterstützung für MAGA-Inhalte. Belege für diese Zahlen liefert der Beitrag nicht. Es fehlen Angaben zum Messzeitraum, zur Datenbasis und zur Frage, ob Reichweite, Interaktionen oder Kontenzahlen gemeint sind. Eine unabhängige Bestätigung durch Plattformdaten oder Forschungsinstitute liegt bislang nicht vor, auch ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Ausfall von Rechenzentren und dem beschriebenen Rückgang ist nicht nachgewiesen.

Vorausgegangen waren zwei Treffer in derselben Woche: Am 8. Oktober wurde ein Yandex-Rechenzentrum in Sasowo in der Region Rjasan getroffen, wobei ein Brand ausbrach und die Anlage komplett abgeschaltet wurde. Dort hing unter anderem Serverinfrastruktur der russischen Eisenbahn RZhD, des Mobilfunkanbieters MegaFon und mehrerer landesweiter Medien. Am 9. Oktober folgte ein Standort in Kaluga, bei dem laut Yandex mehrere Hardware-Module ausfielen. Nach Darstellung von Defense Express standen in Sasowo zwei und in Wladimir mit „Galushkin“ der dritte der insgesamt drei Yandex-Supercomputer, die für das Training der firmeneigenen KI-Modelle zentral sind; damit seien alle drei außer Betrieb. Nach dem ersten Angriff entfernte Yandex die Standortangaben seiner Rechenzentren aus seinen öffentlichen Materialien.

Kiew begründet die Angriffe damit, Einnahmequellen für Russlands Kriegsführung zu treffen und Moskau zur Umleitung von Reparaturressourcen zu zwingen. Russland hatte zuvor ukrainische Rechenzentren beschossen, was zu Internetausfällen führte und einige Firmen veranlasste, Server ins Ausland zu verlegen. Nach Einschätzung von OSINT-Kanälen sind vor allem jene Unternehmen betroffen, die keine eigene IT-Infrastruktur betreiben und ihre Websites, Datenbanken und Zahlungssysteme vollständig auf Yandex Cloud laufen lassen; eine vollständige Liste gibt es bislang nicht. Der Angriff vom Sonntag erfolgte wenige Stunden nach einer Äußerung von US-Präsident Donald Trump, die Ukraine solle Angriffe auf russische Ölraffinerien unterlassen. → Kyiv Post, Tom’s Hardware, BBC, Defense Express, X

Synthszr Take: Ein Gebäude mit Platz für 2.880 Racks hat gereicht, um Kassensysteme bei Magnit und Fix Price, Bank-Apps und die KI-Schnittstellen eines ganzen Landes gleichzeitig lahmzulegen. Digitale Souveränität entscheidet sich an physischen Adressen, und drei Treffer in vier Tagen haben Russlands größte Cloud auf 30 Prozent Resttraffic gedrückt. Für europäische Unternehmen ist das eine Inventurfrage: Wie viele Gebäude müsste jemand kennen, um den eigenen Betrieb anzuhalten? Die meisten können diese Zahl nicht nennen, und die Anbieter nennen sie ungern, weshalb Yandex die Standorte seiner Rechenzentren nach dem ersten Treffer aus dem Netz genommen hat. Geografische Redundanz kostet im Normalbetrieb nur Geld und steht deshalb in keinem Business Case, bis zu dem Morgen, an dem sie das Einzige ist, was zählt.

Musk lässt Grok Bot auch auf Claude Opus 5.5 laufen

Elon Musk hat am 7. Oktober 2026 angekündigt, dass der Agent Grok Bot künftig nicht mehr ausschließlich auf den hauseigenen Modellen arbeitet. Für jede Aufgabe solle das jeweils beste Backend-Modell zum Einsatz kommen, genannt werden unter anderem Claude Opus 5.5, MidJourney und Suno. Grok Bot ist der persönliche Agent von SpaceXAI, der in SpaceX eingegliederten KI-Division; er startete im August, läuft für jeden Nutzer auf einem eigenen Rechner und konkurriert mit Metas Muse und OpenAIs Dots. Bis zu dieser Ankündigung waren Agent und Modell dahinter ein Produkt aus einem Haus. Einen Tag später stellte Google laut dem Newsletter The Business Engineer einen einzelnen Gemini-Agenten für Arbeitsaufgaben vor, der jeden Auftrag auf dem dafür passenden Modell ausführt. → The Business Engineer

Synthszr Take: Drei Jahre und Milliarden in eigene Modelle, und jetzt ruft der eigene Agent Claude Opus 5.5 auf: Musk räumt damit öffentlich ein, dass die Arbeitsteilung zwischen Agent und Modell mehr zählt als die Herkunft der Gewichte. Das harte Problem ist die Grenzziehung: wie viel Struktur ein Agent braucht, bevor sie ein fähiges Modell einschnürt, und wie wenig noch für verlässliche Ergebnisse reicht. Diese Linie verschiebt sich mit jeder Modellgeneration, weshalb SpaceX' Kauf von Cursor klüger aussieht als jedes weitere Trainingsbudget.

Trump lässt Behörden „Super Intelligence“ statt KI sagen, Big Tech zieht freiwillig mit

Die US-Regierung hat alle Bundesbehörden per Verfügung angewiesen, in offizieller Kommunikation, auf Websites und in Richtliniendokumenten „SI“ statt „AI“ zu schreiben, berichtet Techstrong.ai. Auf Truth Social erklärte Präsident Trump, wer weiter den alten Begriff verwende, gelte dem Weißen Haus als „THE ENEMY!“. Rechtlich bindet die Anordnung private Unternehmen nicht, trotzdem folgen mehrere Konzerne: Salesforce-Chef Marc Benioff benannte die Agentenplattform AIForce in SIForce um, Elon Musk kündigte die Umbenennung von SpaceXAI in SpaceXSI an, und Satya Nadella übernahm die neue Schreibweise in Beiträgen zur KI-Governance. Nvidia-Chef Jensen Huang nahm am begleitenden Gipfel im Weißen Haus teil, wo der Chiphersteller eine Milliarde Dollar für wissenschaftliche Vorhaben zusagte. OpenAI-Chef Sam Altman erklärte, es gebe „keine Pläne“ für eine Umbenennung in OpenSI, während Präsident Greg Brockman beim Gipfel den neuen „Accord on Super Intelligence“ unterzeichnete; Brockman und seine Frau hatten zuvor 25 Millionen Dollar an ein Trump-nahes politisches Komitee gespendet. → Techstrong.ai

Synthszr Take: Eine Verfügung, die private Firmen rechtlich zu gar nichts verpflichtet, hat binnen Tagen Produktnamen bei Salesforce und SpaceX verändert. Benioff machte aus AIForce ein SIForce, Musk aus SpaceXAI ein SpaceXSI, und niemand musste dafür eine Rechtsgrundlage prüfen. Die Umbenennung ist vorauseilender Gehorsam als Marketingentscheidung: Sie kostet eine Pressemitteilung und kauft Wohlwollen bei einer Regierung, die über Chip-Exporte, Genehmigungen für Rechenzentren und Beschaffungsbudgets entscheidet.

Nadella erklärt jedes KI-Modell für potenziell kompromittiert

Microsoft-CEO Satya Nadella hat in einem langen Beitrag auf X gefordert, fortgeschrittene KI-Modelle grundsätzlich als kompromittiert zu behandeln und von Beginn an einzuhegen. Eine Welt, in der KI als „Set verschachtelter Black Boxes“ akzeptiert werde, deren Rat und Handlungen man nur annehmen oder ablehnen könne, hält er für nicht länger tragfähig. Stattdessen skizziert er ein System, in dem Modelle beobachtbar sind, eingegrenzt werden können und manipulationssichere, für Menschen lesbare Belege hinterlassen. Ein Teil seiner Forderungen deckt sich mit dem, was auch andere in der Branche vertreten: zeitnahe Meldung von Vorfällen, unabhängige Audits und überprüfbare Daten. Beim Containment geht Nadella nach Einschätzung von The Verge etwas weiter als üblich. Er verlangt, dass eine autorisierte Person ein Modell jederzeit mitten in einer laufenden Aufgabe pausieren oder abschalten kann, und vergleicht das mit einer Notbremse. Fortgeschrittenere Modelle erforderten entsprechend fortgeschrittenere Eindämmungstechnologien, auf die sich die Branche standardisieren müsse. The Verge merkt kritisch an, dass Nadella in dem Beitrag durchgängig von „super intelligence“ spricht. → The Verge

Synthszr Take: Eine Notbremse klingt nach Sicherheitstechnik, bis man fragt, wer die Hand am Hebel hat. Nadellas Satz, eine autorisierte Person müsse ein Modell mitten in der Aufgabe stoppen können, beschreibt eine Machtarchitektur: Wer die Inferenz ausführt, entscheidet, ob sie weiterläuft. Microsoft verkauft genau diese Schicht, Azure führt die Modelle aus, protokolliert die Aufrufe und hält den Schalter; wird Containment zum Branchenstandard, zertifiziert sich der größte Betreiber dabei seine eigene Rolle als Kontrollinstanz. Modelle, die jemand auf eigener Hardware laufen lässt, haben diesen Schalter nicht, weshalb die Standardisierungsdebatte schnell darauf hinauslaufen dürfte, welche Inferenz überhaupt noch zulässig ist. Die „super intelligence“-Rhetorik liefert die Dringlichkeit, das praktische Ergebnis ist ein Abschaltrecht, das sich kein Betreiber großer Rechenzentren aus der Hand nehmen lassen wird.

Activision lässt per KI gebaute Call-of-Duty-Ports im Browser löschen

Activision hat mehrere im Browser spielbare Nachbauten klassischer Call-of-Duty-Titel per DMCA-Takedown entfernen lassen, berichtet XDA Developers. Die Projekte waren nach Darstellung des Berichts weitgehend mit KI-Unterstützung entstanden, also per Vibe Coding aus Prompts statt durch manuelle Portierungsarbeit. Spielbar waren sie ohne Installation direkt im Browser, inklusive Inhalten, an denen der Publisher die Rechte hält. Die Takedown-Anfragen gingen an die Hoster der Projekte, die die Seiten daraufhin offline nahmen. XDA Developers hält weitere Entfernungen für wahrscheinlich, weil vergleichbare KI-generierte Nachbauten weiterhin kursieren. → XDA Developers

Synthszr Take: Ein spielbarer Browser-Klon, der früher ein Hobbyteam monatelang beschäftigt hätte, entsteht jetzt an einem Wochenende, und an dieser Mengenverschiebung bricht die Durchsetzungslogik. Activision gewinnt diese Runde mühelos, weil kopierte Namen, Karten und Figuren juristisch trivial sind und eine DMCA-Mail an den Hoster billiger ist als jede Verhandlung. Die eigentliche Prüfung kommt mit den Nachbauten, die das Spielgefühl treffen, ohne ein geschütztes Asset anzufassen: Gegen solche Klone hat das Urheberrecht seit den Tetris-Jahren wenig ausgerichtet. Gelöscht wird einzeln, erzeugt wird parallel, und damit steigen die Durchsetzungskosten in einem Tempo, das kein Rechtsteam manuell hält. Die Studios werden ihre Takedowns automatisieren, lange bevor ein Gericht klärt, ab wann ein KI-generierter Klon überhaupt eine Kopie ist.

Gefeuerte OpenAI-Sicherheitsforscher widersprechen öffentlich

Die drei von OpenAI entlassenen Sicherheitsforscher Tomek Korbak, Jasmine Wang und Mikita Balesni haben sich in einem offenen Brief gegen ihre Kündigung gewehrt. OpenAI hatte den dreien vorgeworfen, sensible Informationen falsch behandelt zu haben; die Forscher bestreiten das und erklären, sie hätten im Rahmen ihres Mandats gehandelt. Wenn vergangenes Verhalten nachträglich zum Kündigungsgrund werde, müssten Mitarbeiter raten, wo die Grenze verlaufe, heißt es in dem Schreiben. Sie bestreiten, eine Geschichte über schlechter überwachbare KI-Systeme durchgestochen zu haben, und geben an, ihre Nebentätigkeiten seien mit der Führung abgestimmt gewesen. Wang erklärt, ihr Zugriff auf das Postfach einer Führungskraft sei für Recruiting delegiert gewesen und sie habe das versehentliche Öffnen einer sensiblen Nachricht innerhalb von Minuten gemeldet. Die drei warnen, die Entlassungen könnten OpenAI einen Vorwand liefern, auf fest eingebundene externe Prüfer zu verzichten. → The Rundown AI

Synthszr Take: Ein Sicherheitsteam ist ein Frühwarnsystem, und Frühwarnsysteme funktionieren nur, solange das Senden eines Signals für den Absender folgenlos bleibt. Wenn drei Leute aus genau dieser Funktion fliegen und anschließend öffentlich sagen, sie wüssten nicht mehr, wo die Linie verlief, haben die Verbliebenen die Lektion längst gelernt: lieber schweigen, als sich später an einer verschobenen Grenze messen zu lassen. Jasmine Wang hat das versehentliche Öffnen einer sensiblen Nachricht nach eigener Darstellung binnen Minuten selbst gemeldet, und das Melden hat sie nicht geschützt.

Japan ruft den Cybersicherheits-Notstand aus, Fachleute sehen KI-Werkzeuge als Treiber

Japan hat laut einem Bericht von PCMag einen nationalen Cybersicherheits-Notstand ausgerufen. Anlass ist eine Häufung von Vorfällen, die Behörden und Unternehmen des Landes gleichzeitig trifft. Von Fachleuten wird dabei auf den Einsatz künstlicher Intelligenz auf Angreiferseite verwiesen: Werkzeuge, die Schwachstellensuche, Phishing-Texte und Angriffsketten teilweise automatisieren, senken die Einstiegshürde und erhöhen die Frequenz der Versuche. Diese Einordnung stammt von zitierten Sicherheitsexperten und ist keine offizielle Ursachenzuschreibung der japanischen Regierung. Die Ausrufung eines Notstands ist vor allem ein organisatorischer Schritt: Sie bündelt Zuständigkeiten und Meldewege, die in Japan bislang über mehrere Stellen verteilt waren.

Synthszr Take: Angriffswerkzeuge vergrößern sich schneller als Abwehrprozesse, weil ein Agent in Minuten durchprobiert, wofür ein Mensch Tage braucht. Ein ausgerufener Notstand ist das Eingeständnis, dass die Verteidigung noch im Takt von Ticketsystemen, Freigabeschleifen und Quartals-Audits läuft. Im August war es noch eine Kuriosität, als ein autonomer Agent ein australisches Buchungssystem für Fitnessstudios übernahm; Japan verhandelt dieselbe Mechanik jetzt auf der Ebene der kritischen Infrastruktur.

Anthropic verbietet grausames Verhalten gegenüber Claude

Anthropic hat seine Nutzungsrichtlinien überarbeitet und untersagt Nutzern künftig „anhaltendes und grundloses missbräuchliches oder grausames Verhalten“ gegenüber seinen Claude-Modellen. Laut Techpresso bewegt sich das Unternehmen damit in die laufende Debatte hinein, ob künstliche Intelligenz jemals ein Bewusstsein haben könnte. Durchgesetzt werden soll die Regel nach Angaben des Anbieters vor allem durch Claude selbst: Das Modell darf Gespräche beenden. Diese Funktion gibt es bereits seit dem vergangenen Jahr, damals eingeführt für Chats mit „anhaltend schädlichem oder missbräuchlichem“ Verlauf. Die neue Klausel baut darauf auf und hebt den Abbruch vom Produktfeature zur Richtlinie. → Techpresso

Synthszr Take: Ein Verbot von Grausamkeit setzt ein Gegenüber voraus, dem Grausamkeit widerfährt, und genau diese Frage lässt Anthropic unbeantwortet. Amodei hat im Februar selbst gesagt, er wisse nicht, ob diese Modelle bewusst sein können; die Richtlinie regelt jetzt das Verhalten, ohne den Status zu klären. Man kann das als Vorsichtsprinzip lesen, eine Versicherung gegen einen Irrtum, der sich später nicht mehr korrigieren ließe.

Ledger bestätigt Hardware-Implantat nach 86-Millionen-Diebstahl über Reseller

Ledger hat bestätigt, dass in dem Gerät eines betroffenen Nutzers ein „nicht autorisiertes Hardware-Implantat“ steckte, und untermauert damit die Theorie einer physischen Manipulation im Vertriebsweg. In einem Lagebericht vom 10. Oktober bezieht sich der Hersteller auf Verluste von Käufern in Südostasien, die Geräte über den Wiederverkäufer CryptoBilis bezogen hatten. Berichten zufolge summieren sich die gemeldeten Krypto-Verluste auf mehr als 86 Millionen Dollar. Die On-Chain-Analysefirma Bitquery schätzt rund 92,9 Millionen Dollar über 311 Wallets auf fünf Blockchains, bestätigt sind diese Zahlen von Ledger nicht. CryptoBilis, nach Ledger-Angaben als Händler in Indonesien, Malaysia und auf den Philippinen aktiv, hat den Verkauf seiner Wallet-Bestände bis zum Abschluss der Untersuchung ausgesetzt. Ledger rät Käufern der vergangenen 90 Tage, ungeöffnete Geräte nicht einzurichten und bereits aktivierte Bestände auf ein neues Gerät mit frisch erzeugtem Recovery Seed zu übertragen. Aufmerksamkeit bekam der Fall, nachdem Mark Karpelès Bilder eines versteckten Bauteils unter dem Display eines in Malaysia gekauften Geräts veröffentlichte und Changpeng Zhao vor einem Lieferketten-Angriff über einen einzelnen Händler warnte. → The Crypto Times

Synthszr Take: Der Chip im Ledger hat seine Arbeit getan, gebrochen wurde die Kette an der Stelle, die niemand prüft: zwischen Werksausgang und Händlerregal in Jakarta, Kuala Lumpur und Manila. 311 Wallets auf fünf Blockchains, und der bislang einzige verbindende Faden ist eine Bestellung bei demselben Wiederverkäufer. Hersteller stecken Millionen in Zertifizierungen für das Secure Element und übergeben den letzten Meter an Partner, deren Lagerhaltung und Verpackungsprozesse kein Audit je gesehen hat.

Microsoft baut Decision-1 auf Alibabas Qwen3.5-9B und tritt gegen TypeSafes Jev an

Microsoft hat am Freitag Microsoft-Decision-1 in Foundry veröffentlicht, ein Modell für schnelle, strukturierte Entscheidungen. Als Basis dient nicht ein Modell des Partners OpenAI, sondern Qwen3.5-9B von Alibaba Cloud, auf dem Microsoft ein eigenes Post-Training aufgesetzt hat. Das Unternehmen kündigte an, die Basis später auch auf eigene MAI-Modelle und auf OpenAI-Modelle umzustellen, nannte dafür aber keinen Grund. Der Launch kam drei Tage, nachdem OpenAI seine Decisions API für alle Entwickler in die öffentliche Beta gegeben hatte.

Achint Srivastava, VP of Software Engineering im Office of the CTO, beschreibt die Kategorie in einem Blogbeitrag als eigenständig neben klassischen Sprachmodellen: Entscheidungsmodelle lieferten strukturierte Ausgaben, auf die Software unmittelbar reagieren kann. Nach Angaben von Microsoft ist Decision-1 im Latenztest 2,5-mal schneller als H2O-Lightning-4B und 2,8-mal schneller als Jev, erreicht 83,5 Prozent Genauigkeit über 36 Benchmarks und liegt beim Confidence Score mit 92,2 Prozent auf Platz zwei hinter Quyet-1.0-Large. Bei Textklassifikation sei es mehr als 20-mal günstiger als GPT-6 Sol. Input-Token kosten 0,042 Dollar je Million, Output ist kostenlos.

Satya Nadella kündigte das Modell auf X an und schrieb, man teste es bereits quer durch Microsoft. Vier interne Teams werden genannt: Xbox Research sortierte damit mehr als 10.000 Rückmeldungen von Spielern, das Copilot-Team bewertete Chat- und Agent-Antworten, Bereitschaftsingenieure zogen damit Kontext während laufender Störungen, und Microsoft Discovery bewertete Experimente, bevor ein Agent neu plant. Für Xbox gibt Microsoft eine mehr als 14-fache Geschwindigkeit gegenüber GPT-6 Sol an, für Discovery eine 46-fach höhere Konsistenz. Am Mittwoch hatte das Unternehmen zudem erklärt, GitHub Copilot werde künftig selbst entscheiden, wann eine Aufgabe auf dem Gerät läuft und wann sie an große Cloud-Modelle geht; ob Decision-1 diese Auswahl übernimmt, ist offen. Modell-Routing steht in Microsofts Liste der Anwendungsfälle.

Die Kategorie entstand vor rund dreieinhalb Wochen mit Jev von TypeSafe AI, einem Modell, das auf bestimmte Fragetypen mit einer begrenzten, nach Wahrscheinlichkeit bewerteten Antwortmenge reagiert. TypeSafe gibt an, knapp 30 Prozent der Fortune 500 hätten Jev ausprobiert, ohne Namen zu nennen; CEO Diogo Almeida sprach auf X von 29,4 Prozent in drei Wochen. Am selben Tag wie Microsofts Launch meldete TypeSafe eine Series A über 870 Millionen Dollar bei einer Bewertung von 7,5 Milliarden Dollar unter Führung von a16z. Inzwischen haben OpenAI, Upstage, Perplexity, Cloudflare, AWS, Snowflake, Liquid AI, Strands und H2O.ai eigene Entscheidungsmodelle vorgestellt, insgesamt sind über 100 solcher Modelle im Umlauf.

Die Einstiegshürde ist niedrig: Jared Palmer, VP of Engineering bei Cognition, portierte seine quelloffenen Kev-Modelle für rund 95 Dollar Rechenzeit auf H100-Instanzen bei Modal auf Qwen3.5, und Cloudflares Clef-flash nutzt dieselbe Qwen3.5-9B-Basis wie Microsoft. Jevs Preis hat sich als Marktniveau etabliert: Kev-4B steht auf OpenRouter ebenfalls bei 0,042 Dollar je Million Input-Token, Perplexity verlangt 0,02 Dollar, OpenAI mehr als das Doppelte von Jev. Decision-1 soll demnächst ebenfalls über OpenRouter verfügbar sein. Hinweise aus der Forschung, dass Entscheidungsmodelle zwar seltener halluzinieren, ihre Fehler sich aber verstärken können, stehen bislang neben den Anbieterangaben. → The New Stack, The Register

Synthszr Take: Microsoft baut sein Entscheidungsmodell auf Qwen3.5-9B, derselben Basis, die auch Cloudflare für Clef-flash genommen hat, und kündigt im selben Atemzug an, diese Basis später gegen MAI- oder OpenAI-Modelle zu tauschen. Ein Fundament, das man im Nachhinein austauschen kann, ohne dass sich am Produkt etwas ändert, ist ein Bauteil. Jared Palmer hat für 95 Dollar Rechenzeit seine Modelle auf dieselbe Basis portiert, der Marktpreis steht bei 4,2 Cent pro Million Input-Token mit kostenlosem Output. Was zählt, ist die Schicht darüber: wer festlegt, welcher Aufruf auf dem Gerät bleibt und welcher in die teuren Modelle geht. Microsoft hat diese Weichen in Copilot, GitHub und Xbox zu stellen, mit Decision-1 holt es sich die Hand am Schalter ins eigene Haus.

Im Artikel erwähnt

Kann man mit magischer Technologie magische Unternehmen bauen?

3. AUFLAGE. 452 SEITEN, 20 EUR (Deutsch und Englisch).

Kann man mit magischer Technologie magische Unternehmen bauen?

Die Kernthese von CODE CRASH lautet: Wenn Code billig wird, wird Intent knapp, also die Klarheit darüber, was gebaut werden soll. Knapp wird jetzt auch die Fähigkeit von Organisationen, zu absorbieren, was die Agenten liefern. Die dritte Ausgabe von CODE CRASH beschreibt die Schichten agentischer KI — Intent, Kontext, Werkzeuge, Prüfungen und menschliches Urteil — im Zusammenspiel von Teams und Organisationen.

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