
Zirkuläre Finanzierung
Zirkuläre Finanzierung liegt vor, wenn ein Unternehmen einem Kunden Geld gibt und dieser Kunde damit die eigenen Produkte kauft. Das Geld läuft im Kreis, und der Umsatz wirkt größer, als die echte Nachfrage von außen ist.
Stell dir vor, ein Bäcker leiht seinem Nachbarn 100 Euro. Der Nachbar kauft damit Brötchen beim Bäcker. Am Ende steht in den Büchern des Bäckers ein Umsatz von 100 Euro. Trotzdem ist kein einziger Euro von außen in den Laden gekommen, das Geld war schon vorher sein eigenes. Genau dieses Muster nennt man zirkuläre Finanzierung: Ein Unternehmen stellt einem Kunden Geld oder Anteile zur Verfügung, und der Kunde gibt es für die Produkte desselben Unternehmens wieder aus. Das Geld beschreibt einen Kreis, deshalb der Name.
Warum aufgeblähte Umsätze gefährlich sind
Anleger schauen bei jungen Technologiefirmen vor allem auf eine Zahl: das Umsatzwachstum. Ein Unternehmen, das seinen Umsatz jedes Jahr verdoppelt, wirkt wie ein sicherer Sieger. Genau hier täuscht zirkuläre Finanzierung. Sie erzeugt Wachstum, das nach echter Nachfrage aussieht, aber in Wahrheit selbst bezahlt wurde. Wer nur auf die Umsatzkurve blickt, überschätzt die Firma also systematisch.
Das Muster ist nicht neu. Rund um das Jahr 2000 finanzierten Ausrüster wie Lucent oder Nortel ihre Telekom-Kunden mit Kredit, damit diese Netztechnik kaufen konnten. Als die Kunden pleitegingen, verlor der Ausrüster doppelt: den Kredit und den Kunden. Bei der Netzfirma WorldCom wurden zusätzlich Kapazitäten mit Wettbewerbern hin und her getauscht, nur damit auf beiden Seiten Umsatz entstand. Der Zusammenbruch dieser Firmen gehört zu den größten Bilanzskandalen der Geschichte.
Wichtig ist die Abgrenzung: Zirkuläre Finanzierung ist nicht automatisch Betrug. Es ist völlig legal, einen Kunden zu finanzieren, solange man das offenlegt. Problematisch wird es, wenn die Verflechtung im Geschäftsbericht untergeht und der Umsatz als normale Nachfrage dargestellt wird. Betrug beginnt dort, wo bewusst getäuscht wird.
Die Wege, auf denen das Geld zurückkommt
Die einfachste Form ist der Lieferantenkredit. Der Hersteller verkauft auf Rechnung und lässt dem Kunden viel Zeit beim Bezahlen. Der Umsatz wird sofort verbucht, das Geld kommt vielleicht nie. In der Bilanz erkennt man das an stark steigenden Forderungen, also an Beträgen, die dem Unternehmen zwar zustehen, aber noch nicht eingegangen sind.
Die zweite Form läuft über Beteiligungen. Ein großes Unternehmen investiert Geld in ein Start-up und wird Miteigentümer. Das Start-up nutzt dieses Geld, um Dienstleistungen des Investors einzukaufen. Manchmal wird gar kein Bargeld überwiesen, sondern gleich Rechenleistung oder Chips im Wert der Investition geliefert. Der Investor bucht dann Umsatz für etwas, das er im Grunde selbst bezahlt hat.
Die dritte Form sind gegenseitige Käufe zwischen zwei Firmen, im Fachjargon Round-Tripping. Firma A kauft bei B, B kauft im gleichen Umfang bei A. Beide Umsätze steigen, wirtschaftlich hat sich nichts verändert. Ein Warnzeichen ist immer eine Lücke zwischen ausgewiesenem Gewinn und tatsächlichem Geldzufluss. Diesen Geldzufluss nennt man Cashflow, und er lässt sich schwerer schönen als der Umsatz.
Der Verdacht im KI-Boom
Seit 2023 wird der Begriff vor allem im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz diskutiert. Chiphersteller und Cloud-Anbieter investieren Milliarden in KI-Start-ups. Diese Start-ups geben einen großen Teil des Geldes für Chips und Rechenzentrumskapazität derselben Geldgeber aus. Analysten fragen deshalb, wie viel des gemeldeten KI-Umsatzes von zahlenden Kunden stammt und wie viel aus diesem Kreislauf.
Solche Konstruktionen tauchen in Geschäftsberichten unter Begriffen wie Transaktionen mit nahestehenden Personen auf. Wenn du in einer Nachricht liest, ein Investor sei gleichzeitig größter Kunde eines Unternehmens, ist das ein Signal, genauer hinzusehen. Die Frage lautet immer: Würde dieser Kunde auch kaufen, wenn er das Geld nicht vom Verkäufer bekommen hätte?
Ein Kreislauf ist nicht per se ungesund. Solange die finanzierten Firmen wachsen und irgendwann selbst verdientes Geld einbringen, war die Investition sinnvoll. Kippt die Stimmung, bricht der Kreis an der schwächsten Stelle. Dann fehlen den Start-ups neue Mittel, die Bestellungen fallen weg, und der Umsatz des Geldgebers schrumpft schneller, als es die Wachstumszahlen erwarten ließen.