
Leerverkauf
Ein Leerverkauf ist ein Geschäft, bei dem jemand geliehene Aktien verkauft und darauf setzt, sie später billiger zurückkaufen zu können. Wer so handelt, verdient an fallenden Kursen – und verliert, wenn der Kurs stattdessen steigt.
Normalerweise kauft man ein Wertpapier günstig und verkauft es später teurer. Ein Leerverkauf dreht diese Reihenfolge um. Der Händler leiht sich Aktien von jemandem, der sie besitzt, und verkauft sie sofort an der Börse. Später muss er die gleiche Anzahl Aktien zurückkaufen und dem Verleiher zurückgeben. Ist der Kurs bis dahin gefallen, zahlt er beim Rückkauf weniger, als er beim Verkauf bekommen hat. Die Differenz ist sein Gewinn. Das Wort „leer“ steht dafür, dass er die Aktien beim Verkauf gar nicht besitzt.
Wetten gegen einen Kurs
Leerverkäufe sind die einzige gängige Möglichkeit, an fallenden Kursen zu verdienen. Damit haben sie eine Funktion, die über das reine Geldverdienen hinausgeht. Wenn eine Aktie zu teuer wirkt, drücken Leerverkäufer den Kurs durch ihre Verkäufe nach unten. Fachleute sagen, dass der Markt dadurch schneller einen realistischen Preis findet.
Einige der bekanntesten Betrugsfälle der Wirtschaftsgeschichte wurden von Leerverkäufern aufgedeckt. Diese Investoren durchsuchen Bilanzen nach Ungereimtheiten, wetten dann auf einen Kursverfall und veröffentlichen ihre Rechercheergebnisse. Beim deutschen Zahlungsdienstleister Wirecard warnten Leerverkäufer jahrelang vor Luftbuchungen, bevor das Unternehmen 2020 zusammenbrach. Die Finanzaufsicht hatte zeitweise sogar Leerverkäufe auf die Aktie verboten – und lag damit falsch.
Umstritten sind Leerverkäufe trotzdem. Kritiker werfen Leerverkäufern vor, Panik zu verstärken und gesunde Unternehmen in Schwierigkeiten zu reden. In Krisen sperren Aufsichtsbehörden das Geschäft deshalb manchmal vorübergehend, etwa für Bankaktien. Ob solche Verbote wirklich helfen, ist unter Ökonomen strittig.
Leihen, verkaufen, zurückkaufen
Der Ablauf hat vier Schritte. Erstens leiht sich der Händler die Aktien, meist über seine Bank, von großen Fonds oder Versicherungen. Zweitens verkauft er sie am Markt zum aktuellen Kurs. Drittens wartet er ab. Viertens kauft er die Aktien zurück und gibt sie dem Verleiher zurück. Für die Leihe zahlt er eine Gebühr, ähnlich wie Zinsen für einen Kredit.
Ein Zahlenbeispiel macht es greifbar. Jemand leiht 100 Aktien und verkauft sie zu je 50 Euro, das sind 5.000 Euro. Fällt der Kurs auf 30 Euro, kostet der Rückkauf 3.000 Euro. Es bleiben 2.000 Euro abzüglich Leihgebühr. Steigt der Kurs dagegen auf 80 Euro, kostet der Rückkauf 8.000 Euro – ein Verlust von 3.000 Euro.
Genau hier liegt der große Unterschied zum normalen Aktienkauf. Wer eine Aktie kauft, kann höchstens seinen Einsatz verlieren, denn tiefer als null fällt kein Kurs. Bei einem Leerverkauf gibt es nach oben keine Grenze. Der Verlust ist theoretisch unbegrenzt. Steigt der Kurs stark, verlangt die Bank Nachschuss oder schließt die Position zwangsweise. Wenn viele Leerverkäufer gleichzeitig zurückkaufen müssen, treiben sie den Kurs weiter hoch. Dieses Aufschaukeln heißt Short Squeeze.
Von GameStop bis zu den Meldelisten
In den Nachrichten taucht der Begriff meist in zwei Situationen auf. Entweder greift ein bekannter Investor ein Unternehmen öffentlich an, oder eine Leerverkaufswette geht spektakulär schief. Der bekannteste Fall ist die US-Spielehandelskette GameStop im Januar 2021. Kleinanleger verabredeten sich in Internetforen, kauften massenhaft die Aktie und lösten einen Short Squeeze aus. Mehrere Hedgefonds verloren Milliarden.
Leerverkäufe sind kein Geheimnis. In der EU müssen größere Positionen ab einer bestimmten Schwelle gemeldet werden. In Deutschland stehen sie im Bundesanzeiger, für jeden einsehbar. Analysten lesen dort ab, welche Unternehmen besonders unter Beschuss stehen.
Auch für Technologiefirmen ist das relevant. Bei stark gestiegenen KI-Aktien wird regelmäßig diskutiert, ob die Bewertungen übertrieben sind. Leerverkäufer sind dann die Gegenseite zur allgemeinen Begeisterung. Für Privatanleger ist das Geschäft allerdings riskant und in Deutschland nur über Umwege wie bestimmte Zertifikate zugänglich.