Onshoring

Onshoring

Onshoring bedeutet, dass ein Unternehmen Produktion oder Dienstleistungen wieder im eigenen Land erledigt, statt sie im Ausland einzukaufen. In der Tech-Branche geht es dabei vor allem um Chipfabriken und Rechenzentren, die aus Asien zurück nach Europa oder in die USA geholt werden.

Viele Firmen lassen Teile ihrer Arbeit weit weg vom Firmensitz erledigen. Ein deutscher Autohersteller kauft Bauteile in China, ein US-Konzern lässt seine Software in Indien programmieren. Der Grund war jahrzehntelang der Preis: Löhne und Fabrikkosten sind dort niedriger. Onshoring ist die Gegenbewegung dazu. Das Unternehmen holt diese Arbeit zurück in das Land, in dem es selbst sitzt. Es baut also eine eigene Fabrik in der Nähe oder beauftragt einen Zulieferer im Inland, obwohl das oft teurer ist.

Warum Chips plötzlich Politik sind

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie zerbrechlich lange Lieferwege sind. 2021 standen Autofabriken in Europa still, weil kleine Steuerchips aus Asien fehlten. Ein einzelner geschlossener Hafen konnte damals Industrien auf einem anderen Kontinent lahmlegen. Seitdem gilt Nähe als Sicherheitsvorteil, nicht nur als Kostenfrage.

Dazu kommt die geopolitische Lage. Die modernsten Computerchips der Welt entstehen fast alle auf Taiwan, einer Insel, um die China und die USA seit Jahren streiten. Wer seine ganze Elektronik von einem Ort abhängig macht, geht ein enormes Risiko ein. Regierungen behandeln Chipfertigung deshalb inzwischen wie Wasser- oder Stromversorgung: als etwas, das man im Notfall selbst können muss.

Onshoring hat aber einen Preis. Eine Chipfabrik in Deutschland oder Arizona kostet mehr als dieselbe Fabrik in Taiwan, weil Löhne, Strom und Bauvorschriften teurer sind. Diese Differenz zahlt am Ende der Kunde oder der Steuerzahler über Subventionen. Ökonomen streiten darum, wie viel Sicherheit dieses Geld wirklich kauft.

Vom Vertrag zur Fabrik: der praktische Ablauf

Onshoring ist selten eine einzige Entscheidung, sondern ein langer Umbau. Zuerst prüft eine Firma, welche Teile ihrer Lieferkette wirklich kritisch sind. Eine Lieferkette ist die Abfolge aller Schritte von den Rohstoffen bis zum fertigen Produkt. Bei Elektronik sind das Dutzende Stufen, die über viele Länder verteilt sind.

Dann folgt der schwierige Teil: Standort, Genehmigungen, Bau und Personal. Eine große Halbleiterfabrik braucht typischerweise drei bis fünf Jahre bis zur ersten Auslieferung und kostet zweistellige Milliardenbeträge. Oft fehlen im neuen Land außerdem die Fachkräfte, weil dort seit dreißig Jahren niemand mehr solche Anlagen betrieben hat. Deshalb schicken Firmen Ingenieure aus Asien zur Einarbeitung mit.

Man sollte Onshoring von zwei Nachbarbegriffen unterscheiden. Nearshoring heißt, die Arbeit nur in ein näheres Land zu verlegen, etwa von China nach Polen oder Mexiko. Friendshoring bedeutet, bei politisch verbündeten Staaten einzukaufen. Onshoring ist die strengste Variante, weil alles im eigenen Land bleibt.

Wo der Begriff in den Nachrichten auftaucht

Am häufigsten liest man Onshoring im Zusammenhang mit staatlichen Förderprogrammen. Die USA haben 2022 mit dem CHIPS Act rund 50 Milliarden Dollar für heimische Chipfertigung bereitgestellt. Die EU hat mit dem European Chips Act ein ähnliches Ziel: Ein deutlich größerer Anteil der Weltproduktion soll in Europa entstehen. Auch die Debatte um die geplante Intel-Fabrik in Magdeburg gehört in dieses Feld.

In der KI-Branche geht es zusätzlich um Rechenzentren. Wer ein Sprachmodell betreibt, verarbeitet dabei Nutzerdaten, und europäische Behörden wollen diese Daten auf Servern in Europa haben. Große Anbieter bauen deshalb eigene Standorte in Frankfurt, Paris oder Stockholm. Man spricht dann von digitaler Souveränität, also von Kontrolle über die eigene Technik.

Für Anleger ist Onshoring ein Signal auf Baukonzerne, Maschinenbauer und Energieversorger. Wer Fabriken zurückholt, braucht Beton, Anlagen und viel Strom. Gleichzeitig kann es Firmen belasten, deren Geschäftsmodell auf billiger Auslandsproduktion beruht. Ein häufiger Irrtum ist, Onshoring bedeute das Ende des Welthandels. Realistischer ist ein Mischsystem: kritische Teile im Inland, alles Übrige weiter dort, wo es am günstigsten ist.

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