Konsumerisierung

Konsumerisierung

Konsumerisierung beschreibt, dass neue Technik heute zuerst bei Privatleuten ankommt und erst danach in Firmen und Behörden. Früher war es umgekehrt: Große Organisationen bekamen das Neue zuerst, Privatpersonen viel später.

Bis in die 1990er Jahre bekamen große Organisationen neue Technik zuerst. Banken, Behörden und Konzerne kauften teure Rechner, lange bevor es solche Geräte für Privatleute gab. Was daheim stand, war meist eine abgespeckte und veraltete Version davon. Heute ist die Richtung umgedreht. Das Smartphone in deiner Tasche kann oft mehr als der Rechner, den dein Vater im Büro benutzt. Genau diese Umkehr meint der Begriff Konsumerisierung: Neuerungen setzen sich zuerst im Privatleben durch und wandern von dort in die Arbeitswelt.

Warum Firmen die Kontrolle über ihre Geräte verloren haben

Eine IT-Abteilung hatte früher eine bequeme Position. Sie entschied, welche Geräte und welche Programme im Haus benutzt wurden. Wer etwas anderes wollte, hatte Pech. Diese Macht ist weitgehend weg. Mitarbeiter kennen aus ihrem Alltag Werkzeuge, die schneller und angenehmer sind als die offiziellen. Und sie benutzen sie einfach, ob erlaubt oder nicht.

Fachleute nennen das Schatten-IT: Software, die im Unternehmen läuft, ohne dass die IT-Abteilung davon weiß. Ein Team legt Dateien in einem privaten Cloud-Speicher ab, also auf einem fremden Server im Internet. Ein anderes koordiniert sich über einen Chatdienst, den niemand freigegeben hat. Das ist praktisch, aber riskant. Niemand kann sichern oder prüfen, was er nicht kennt.

Für Anbieter von Software hat sich dadurch das Geschäft verändert. Früher überzeugte man den Einkaufsleiter, und danach mussten tausend Angestellte das Produkt benutzen. Heute überzeugt man zuerst einzelne Angestellte mit einer kostenlosen Version. Wenn genug Leute im Haus damit arbeiten, kauft die Firma die Bezahlversion nach. Diese Strategie heißt im Fachjargon Bottom-up-Vertrieb, also Verkaufen von unten nach oben.

Der Weg vom Privatgerät ins Büro

Der Motor der Konsumerisierung sind schlicht die Stückzahlen. Weltweit werden jedes Jahr über eine Milliarde Smartphones verkauft. Bürorechner kommen nicht annähernd an diese Zahl heran. Wo mehr Geräte gebaut werden, sinken die Preise und steigt das Entwicklungstempo. Deshalb steckt in einem Privathandy heute modernere Technik als in vielen Bürogeräten.

Dazu kommt ein zweiter Punkt: der Anspruch an Bedienbarkeit. Privatprodukte müssen sofort verständlich sein, sonst löscht man sie wieder. Firmensoftware musste das nie, weil man ihre Nutzer zu Schulungen schicken konnte. Wer beides kennt, empfindet die Firmensoftware als umständlich. Dieser Vergleich erzeugt den Druck, der die Konsumerisierung antreibt.

Ein häufiger Irrtum ist, Konsumerisierung sei dasselbe wie Digitalisierung. Digitalisierung heißt, dass Abläufe überhaupt auf Computer umgestellt werden. Konsumerisierung sagt dagegen nur etwas über die Richtung aus, in der sich Technik ausbreitet. Eine Firma kann also längst digitalisiert sein und trotzdem gerade erst konsumerisiert werden.

Von BYOD bis ChatGPT im Arbeitsalltag

Das bekannteste Beispiel ist BYOD, kurz für Bring Your Own Device. Damit ist gemeint, dass Angestellte ihr privates Handy oder ihren eigenen Laptop für die Arbeit nutzen dürfen. Viele Firmen haben das erlaubt, weil sie es ohnehin nicht verhindern konnten. Sie sparen Geräte, handeln sich aber Sicherheitsfragen ein. Ein verlorenes Privathandy kann Firmendaten enthalten.

Das aktuellste Beispiel sind KI-Chatbots, also Programme, die auf Fragen in normaler Sprache antworten. ChatGPT wurde Ende 2022 für Privatleute veröffentlicht und war binnen Wochen millionenfach in Gebrauch. Erst danach begannen Unternehmen, offizielle Regeln dafür aufzustellen. Bis dahin hatten viele Angestellte den Dienst längst still für ihre Arbeit benutzt. In Wirtschaftsnachrichten liest man in solchen Fällen von einer Adoption von unten.

Für Anleger ist das Muster interessant, weil es die Bewertung von Firmen erklärt. Ein Anbieter mit vielen privaten Nutzern gilt als aussichtsreich, selbst wenn er damit noch wenig verdient. Die Erwartung lautet, dass die zahlenden Firmenkunden nachrücken. Ob das aufgeht, entscheidet sich meist erst Jahre später.

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