Netzanschluss-Warteschlange

Netzanschluss-Warteschlange

Die Netzanschluss-Warteschlange ist die Liste aller Projekte, die an das öffentliche Stromnetz angeschlossen werden wollen und auf eine Prüfung durch den Netzbetreiber warten. Sie ist zu einem der wichtigsten Engpässe für neue Rechenzentren und für den Ausbau erneuerbarer Energien geworden.

Wer in Deutschland eine große Stromleitung an sein Grundstück legen lassen will, kann das nicht einfach selbst tun. Das Stromnetz gehört Unternehmen, die es betreiben und verwalten, den sogenannten Netzbetreibern. Bei ihnen muss man einen Antrag stellen, wenn man viel Strom entnehmen oder einspeisen will. Weil deutlich mehr Anträge eingehen, als schnell bearbeitet und gebaut werden können, entsteht eine Warteliste. Diese Liste nennt man Netzanschluss-Warteschlange. Wer darin weit hinten steht, wartet oft mehrere Jahre auf eine verbindliche Zusage.

Warum Rechenzentren am Netz hängen bleiben

Ein modernes Rechenzentrum für künstliche Intelligenz ist ein Stromfresser. Große Anlagen brauchen mehrere hundert Megawatt Leistung. Zum Vergleich: Das entspricht ungefähr dem Verbrauch einer mittleren Großstadt. Solche Mengen kann kein Netzbetreiber einfach so bereitstellen. Meist müssen erst neue Leitungen und Umspannwerke gebaut werden.

Deshalb entscheidet die Warteschlange inzwischen mit darüber, wo KI-Rechenzentren überhaupt entstehen. Firmen wählen Standorte nicht mehr nur nach Grundstückspreis oder Internetanbindung aus. Sie fragen zuerst, wo es freie Netzkapazität gibt. In Regionen wie Nordvirginia in den USA oder rund um Dublin in Irland ist das Netz so ausgelastet, dass zeitweise gar keine neuen Anschlüsse vergeben wurden.

Auch für die Energiewende ist die Warteschlange ein Problem. Windparks und Solarparks stehen in derselben Liste wie Rechenzentren und Fabriken. Ein fertig geplanter Solarpark kann jahrelang stillstehen, weil der Anschlusspunkt fehlt. In den USA wartete zuletzt mehr Erzeugungsleistung in den Warteschlangen, als das ganze Land an Kraftwerken besitzt.

Vom Antrag bis zum Anschlusspunkt

Der Ablauf ist in den meisten Ländern ähnlich. Ein Projekt meldet seinen geplanten Strombedarf beim zuständigen Netzbetreiber an. Der prüft dann, ob das Netz an dieser Stelle die zusätzliche Last verkraftet. Diese Prüfung heißt Netzverträglichkeitsprüfung und kann Monate dauern. Reicht die Kapazität nicht, muss ausgerechnet werden, welcher Ausbau nötig wäre und was er kostet.

Der Haken liegt in der Reihenfolge. Traditionell gilt das Prinzip „wer zuerst kommt, mahlt zuerst“. Jedes Projekt wird in der Reihenfolge seines Antragsdatums geprüft. Ändert sich ein Projekt weit vorne oder fällt es weg, müssen die Berechnungen für alle dahinter neu gemacht werden. Die Schlange bewegt sich dadurch noch langsamer.

Ein zweites Problem sind Scheinanträge. Weil ein Antrag lange wenig kostet, melden manche Firmen Projekte an, die sie nie bauen wollen. Sie sichern sich einfach einen Platz in der Reihe. Regulierer reagieren darauf mit höheren Gebühren, Fristen und Nachweispflichten. In den USA hat die Aufsichtsbehörde FERC 2023 durchgesetzt, dass Anträge in Gruppen statt einzeln geprüft werden. Auch in Deutschland gibt es Vorschläge, Projekten nach ihrem Nutzen für das Netz Vorrang zu geben statt nach Antragsdatum.

Ein Begriff, der in Quartalszahlen auftaucht

In den Nachrichten begegnet dir das Thema meist indirekt. Wenn ein Technologiekonzern meldet, der Bau eines Rechenzentrums verzögere sich, steckt oft eine Netzanschluss-Warteschlange dahinter. Anleger achten inzwischen darauf, wie viel gesicherte Netzkapazität ein Unternehmen bereits besitzt. Diese Kapazität ist zu einem handelbaren Wert geworden.

Das erklärt auch einige ungewöhnliche Geschäfte der letzten Jahre. Microsoft schloss einen Vertrag über Strom aus dem stillgelegten Kernkraftwerk Three Mile Island. Andere Firmen kaufen alte Industriegelände, weil dort ein starker Anschluss schon vorhanden ist. Wieder andere bauen eigene Gasturbinen neben das Rechenzentrum, um die Warteschlange ganz zu umgehen.

Verwechseln solltest du den Begriff nicht mit einem Stromausfall oder einer Netzüberlastung. Es geht nicht darum, dass gerade zu wenig Strom da ist. Es geht um eine bürokratische und bauliche Wartezeit, bevor überhaupt ein Kabel gelegt wird. Genau diese Wartezeit ist derzeit einer der härtesten Bremsklötze für den KI-Ausbau.

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